500 Jahre Reformation


Lutherdenkmal in Wittenberg
Lutherdenkmal in Wittenberg

Das Jahr 2017 wird ein Jahr großer Ereignisse werden. Die Reformation (lat.: reformatio = Erneuerung, Wiederherstellung), die durch die Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers (1483 - 1546) gegen den Ablasshandel in Wittenberg am 31. Oktober 1517 ihren Anfang nahm, hatte und hat bis heute nicht nur Auswirkungen auf die Theologie, sondern auch auf die Bildung, auf Kunst, Sprache, Musik, Politik und Gesellschaft, auf das Berufsethos und das Freiheitsverständnis. Ein Großereignis mit einer solchen Wirkungsvielfalt kann nicht allein im Jahr des Jubiläums selbst entsprechend gewürdigt werden. Um dieses Wirkungsspektrum umfassend auszuleuchten, wurde bereits 2008 die sog. Lutherdekade ausgerufen. Jedes Jahr im Zeitraum von 2008 bis zum Jubiläumsjahr 2017 sollte ein Themenschwerpunkt zur Sprache kommen. Eine Auflistung mag das verdeutlichen:

2008: Eröffnung der Lutherdekade mit Veranstaltungen in der Lutherstadt Wittenberg
2009: Reformation und Bekenntnis
2010: Reformation und Bildung
2011: Reformation und Freiheit
2012: Reformation und Musik
2013: Reformation und Toleranz
2014: Reformation und Politik
2015: Reformation - Bild und Bibel
2016: Reformation und die Eine Welt
2017: Jubiläum mit vielen Veranstaltungen im In- und Ausland

Luther Auseinandersetzung mit der stark materialistisch ausgerichteten mittelalterliche Kirche wird oft als ein Kampf eines kleinen Augustinermönchs gegen eine allmächtige Kirche verstanden. Das stimmt so nicht ganz. Er war in dieser Zeit schon kein Unbekannter mehr. Bereits seit 1512 war er Professor in der Universitär Wittenberg und zog wegen seiner neuen, überzeugenden Ideen viele Studenten an. Außerdem wurde er 1514 Vikar des Ordensdistriks Thüringen und war damit dessen Leiter. Es muss schon einen Grund gehabt haben, dass ihn der Generalvikar seines Ordens, Johann von Staupitz, schon früh als Leiter der theologische Disputation ernannte.
Luther verstand sich nicht als ein mit einer göttlichen Aura umgebener Heiliger. Selbst ungemein fleißig, gebildet und im Sinne der mittelalterlichen Kirche sehr fromm und gottesfürchtig, blieb er ein Sucher und Frager. Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? - war eine der Fragen, die ihn quälten. Der Zustand der Kirche in seiner Zeit konnte ihm da nicht helfen. Der Ablasshandel blühte, Rom braucht Geld, um den Petersdom zu erneuern. Die zunehmende Verweltlichung der Kirche und ihr umfassender Machtanspruch auf allen Gebieten sowie das teilweise scandalöse Lotterleben seiner Vertreter konnte so nicht unwidersprochen bleiben. Die Überheblichkeit der kirchlichen Vertreter, der Ämterkauf und die Verdummung des Volkes taten ein übriges.
Dabei war Luther nicht der erste, der die Rückführung der Kirche auf ihre eigentliche Aufgabe anmahnte. Reformversuche gab es schon vorher, denn Reformbedarf bestand zweifellos. Bereits der Philosoph und Priester John Wyclif (1330 - 1384) in England kritisierte den Papst und die Kirchenhierarchie. Er übersetzte die Bibel in die Volkssprache, damit jeder sie lesen könne. Oder Jan Hus (1370 - 1415), Rektor der Universität Prag, konnte nicht akzeptieren, dass die Kirche das alleinige Recht der Heilsvermittlung für sich in Anspruch nahm. Nach seiner Ansicht könne der Mensch auch ohne die Kirche zu Gott kommen. Wie bei Wyclif war das ein Frontalangriff auf den Machtanspruch der mittelalterlichen Kirche. Wyclif wurde 200 Jahre vor Luther als Ketzer verurteilt und verbrannt, ebenso Jan Hus, der 1415 trotz freiem Geleit in Konstanz auf dem Scheiterhaufen endete. Dem Dominikanerpater Girolamo Savonarola (1452 - 1498) erging es nicht anders. Ihn erregte besonders die um sich greifende Unmoral, die Habgier und das Luxusleben der römischen Kirche seiner Zeit. Besonders das lasterhafte Leben Papst Alexander VI., der mit mehreren Frauen sieben Kinder hatte, prangerte Savonarola an. Zusammen mit zwei seiner Mitbrüder wurde er am 23. Mai 1498 auf der Piazza della Signoria in Florenz verbrannt. Mit dem Tod der Kirchenkritiker wollte man die Gedanken einer Kirchenreform ein für allemal beenden, was nicht gelang. "Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen" (Hus heißt auf Deutsch "Gans"), waren die letzen Worte von Jan Hus. Er wusste, dass die Reform kommen würden, früher oder später. Vielleicht war die Zeit dafür noch nicht reif oder die Kirche noch zu mächtig.
Dass der Ketzerprozess gegen Luther im 16. Jahrhundert für ihn nicht auf dem Scheiterhaufen endete, lag sicher daran, dass sich der politische Wind gedreht hatte und die Landesfürsten nicht mehr bereit waren, sich von der römischen Kirche bevormunden zu lassen. Alle Vorgänge in ihren Ländern mussten von Rom genehmigt und natürlich fürstlich bezahlt werden. Ein System, das so lange funktionierte, solange der Papst selbst als eine fraglos göttliche Institution akzeptiert wurde, eine Einstellung, die zu Beginn des 16 Jahrhundert zunehmend schwand. Die Landesfürsten ergriffen jede Gelegenheit, mit der sie sich aus der Umklammerung von Kaiser und Papst lösen konnten. Dass Luthers Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise, seine schützende Hand über Luther hielt, war sicher weniger theologisch als politisch motiviert. Während der" Schutzhaft" auf der Wartburg verfasste Martin Luther nicht nur viele seiner Schriften, sondern übersetzte Teile der Bibel ins Deutsche, damit jeder Gläubige die Schrift lesen konnte und das Evangelium nicht durch den "Filter" der Kirche vermitttelt bekam.

Lutherstube auf der Wartburg
Lutherstube auf der Wartburg

Durch die Erfindung des Buchdrucks fanden die Schriften Luthers eine rasche und weite Verbreitung. Vieles von dem, was das einfache Volk schon lange als bedrückend empfand, fand sich in den Schriften Luthers wider und wurde begeistert aufgenommen. Dass man auch ohne die kirchliche Vermittlung, ohne die ständige Angst vor den Qualen der Hölle zu Gott kommen und seiner Gnade und Liebe gewiss sein konnte, bedeutetet für die Menschen eine große Befreiung. Nicht mehr die religiösen Werke, der Verdienstgedanke, die Leistungsreligion, brachten nach Luthers Erkenntnis die Menschen Gott näher, denn das Wichtigste war bereits getan, niemand musste sich mehr den Himmel "verdienen": der Glaube an die Erlösungstat Jesu am Kreuz eröffnet den Zugang zu Gott. Allein maßgebend sind nach Martin Luther

- sola scriptura (allein die Schrift)
- sola fide (allein der Glaube)
- sola gratia (allein die Gnade)
- solus Christus (allein Christus)

Martin Luther wollte keine Kirchenspaltung, er wollte eine Erneuerung, eine Rückbesinnung auf die Aussagen und Wegweisungen des Evangeliums. Erst der Ausschluss aus der mittelalterlichen Kirche und die Reichsacht, die ihn als vogelfrei erklärte, führte dazu, dass er seine Theologie der Reformen im Widerstand gegen die offizielle Kirche vorantrieb, was schließlich zur Kirchenspaltung und zur Entstehung der evangelischen Konfession führte.

Die Reformationsgeschichte bedeutet für die Kirche der Reformation Aufgabe und Mahnung zugleich. Die Überzeugungen der Reformatoren, die alleinige Orientierung an der Schrift, sind die Grundlage der Verkündigung in der Evangelischen Kirche und müssen es bleiben. Die Kirche muss aber immer wachsam sein und Entwicklungen hinterfragen, die nicht im Sinne des Evangeliums sind, um zu vermeiden, dass die Kirche institutionell erstarrt und zum Selbstzweck wird. Gleichzeitig muss sie offen sein für die Erfordernisse der Zeit, damit sie die Menschen erreicht.
Die Coburger Pfarrerin Dr. Hedwig Porsch drückt das in ihrem Gemeindebrief zum Ende des Jahres 2016 so aus: " ... wir sind heute, 500 Jahre danach, aufgefordert, das Gute, das die Reformation bewirken konnte, zu erhalten. Wir sind aber gerade als Kirche der Reformation verpflichtet, die heute notwendigen Veränderungen anzugehen und zuzulassen, wenn Zeit und Ort dafür gekommen sind."

Quellenangaben:
1. Gemeindebrief 4/2016 der Ev.-Lutherischen Gemeinde Heilig Kreuz, Coburg
2. Ev. Gemeindeblatt für Württemberg, Ausgabe 3/2017; Seiten 16 - 17
3. "Der Kraichgau im Morgenlicht der Reformation." Herausg.: Ev. Kirchengemeinde Gemmingen (2016)
4. Internetseite: www.luther2017.de
und weitere Internetpublikationen


Zum Reformationsjubiläum stehen viele Informationen zur Verfügung. Hier einige Links zu Internetseiten, die das Reformationsjubiläum thematisieren:

www.luther2017.de

www.ekd.de

www.500jahre.de

www.mdr.de


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