Geschichte der Weigle-Orgel von 1899 in der Evangelischen Kirche Gundelsheim

Nachdem die Kirchengemeinde Gundelsheim im Jahre 1895 auf dem für 2500 Mark erworbenen Grundstück an der Panoramastraße unter sehr großen finanziellen Anstrengungen zunächst für 11 500 Mark ein Schulhaus gebaut und am 30. August des gleichen Jahres eingeweiht hatte, ging man ebenfalls an den Bau einer Kirche. Sie wurde ein Jahr später, am 24.August 1896 eingeweiht und kostete 42 000 Mark.
Da vorerst alle Finanzmittel erschöpft waren, gab es noch keine Glocken. Sie wurden erst 1900 beschafft und schon 1917 für Kriegszwecke wieder abgeliefert.
Auch eine Orgel gab es im neuen Kirchenraum noch nicht. Man behalf sich zunächst mit einem Harmonium, aber bereits 1898 war so viel Geld gesammelt worden, dass man an die Anschaffung einer Orgel denken konnte.

Unsere Weigle-Orgel
Es sollte ein kleines, aber möglichst modernes Instrument sein. Erst wenige Jahre zuvor hatte sich im Orgelbau eine völlig neue Technik durchgesetzt: Die pneumatische Spieltraktur. Bei diesem System geschah die Verbindung zwischen den Tasten und den Spielventilen, welche den Wind in die Orgelpfeifen leiten, nicht mehr -wie zuvor- auf mechanische Weise durch zahlreiche dünne Holzleisten (den sogenannten Abstrakten) und Winkelumlenkungen. Stattdessen wurden die Ventile bei Betätigung der Tasten über Druckluftimpulse, also pneumatisch geöffnet. Erst zu Anfang der 1890er-Jahre war dieses System entwickelt worden und galt als seinerzeit als besonders fortschrittlich, da die Tasten leicht zu betätigen waren und keine klappernde Mechanik störte.
Doch nicht jeder Orgelbauer bekam diese neue Technik sofort in den Griff! Und so wandte man sich an den damals zuständigen Orgelsachverständigen, Dekan Ammon in Weinsberg. Dieser riet davon ab, die nächstgelegene Orgelbaufirma Carl Schäfer in Heilbronn zu beauftragen, weil Schäfer wenige Jahre zuvor mit dem erstmalig von ihm gebauten pneumatischen System in der Evang. Kirche Pfedelbach völligen Schiffbruch erlitten hatte – es funktionierte einfach nicht.
Statt dessen empfahl Ammon die renommierte (aber auch teurere) Orgelbaufirma Weigle in Echterdingen. Sie hatte das pneumatische System weiterentwickelt und perfektioniert. Die sogenannte „pneumatische Membranenlade“ galt als ihre Erfindung.
Eine Orgel mit diesem System wurde also 1898 bei Firma Weigle auch für Gundelsheim bestellt, die Lieferzeit sollte ein knappes Jahr betragen. Und am 4. August 1899 war es dann soweit: Die neue Orgel mit der Opus-Nr. 224 wurde geliefert und eingebaut. Sie kostete 2 650 Mark, dies waren rund 6,3 % der Gesamtkosten für die Kirche.
Die Orgelbaufirma Weigle war 1845 durch Karl Gottlob Weigle in Stuttgart gegründet worden und seit 1888 in Echterdingen ansässig. Bis zu ihrer Stillegung 1985 wurden fast 1400 Orgeln in aller Welt gebaut. Der renommierte Betrieb zählte zu den führenden Orgelbauern Württembergs.
Die neue Weigle-Orgel wurde in der Mitte der hinteren Empore aufgestellt. Der Spieltisch war „zum Vorwärtsspielen eingerichtet“, befand sich also freistehend vor dem Instrument, sodass der Organist den Altarbereich überblicken konnte.
Die Prospektfront der Orgel war neugotisch „im englischen Stil“ gestaltet und so ausgeformt, dass sie in der Mitte den Blick zur Fensterrosette größtenteils freiließ. Bei der Fertigstellung 1899 hatte das Instrument noch Frontpfeifen aus hochwertiger Zinnlegierung. Nachdem jedoch im Frühjahr 1817 –also mitten im 1. Weltkrieg- durch Erlass des Kriegsministeriums alle Prospektpfeifen aus Zinn wie auch die Glocken als wertvolle Rohstoffe beschlagnahmt wurden, lieferte man pflichtgemäß diese Pfeifen an einer Sammelstelle ab und bekam dafür eine Vergütung.
Der Krieg endete bekanntlich in einer Niederlage, ohne dass die meisten abgegebenen Orgelpfeifen und Glocken noch verwendet wurden. Die Glocken konnte man zurückgeben, die Orgelpfeifen nicht mehr. Sie lagen verbeult in riesigen Haufen an den Sammelplätzen und man fertigte nach 1918 Konservendosen daraus.
Anstelle der beraubten Zinnpfeifen wurden dann wenig später Ersatzpfeifen aus Zink eingebaut. Dieses, auch für Dachrinnen verwendete Material ist klanglich nicht ganz so vorteilhaft und sieht grau aus. Aus diesem Grund wurden die Pfeifen mit Silberbronze angestrichen.
Bis etwa 1930 wurden die Blasbälge durch einen Bälgetreter an der rechten Orgelseite betätigt. Über einen Schöpfhebel wurden die Bälge im Orgelinneren aufgepumpt. Danach wurde ein elektrischer Winderzeuger angeschafft, der -ebenfalls schon ein Denkmal- bis heute seine Arbeit verrichtet. Die Fuß-Schöpfanlage ist jedoch auch noch vorhanden und funktionsbereit. Somit könnte, wenn einmal der Strom ausfällt, die Orgel auch heute noch mit Hilfe eines „Orgeltreters“ und somit stromlos gespielt werden.
Klanglich ist die Gundelsheimer Orgel ein typisches Kind ihrer Zeit, also ein hochromantisches Instrument. Mit nur 8 Registern weist sie natürlich nicht gerade das Klangvolumen einer riesigen Domorgel auf, besitzt jedoch eine große Bandbreite romantischer Klangfarben, wie etwa Principale, Streicher und Flöten. Mit Ausnahme eines einzigen Registers, der Gamba 8´, die nach 1930 gegen eine Mixtur getauscht wurde, ist der gesamte übrige Klangbestand noch unverändert erhalten. Das 1899 angefertigte Pfeifenwerk weist eine ebenso überdurchschnittlich hohe Qualität auf, wie auch die gesamte technische Anlage.
Bei der jetzt ausgeführten restauratorischen Instandsetzung durch die Orgelbauwerkstätte Mühleisen aus Leonberg musste die Belederung der Ventilmembranen erneuert werden. Das bedeutet, dass die Erstbelederung aus dem Jahre 1899 lange Zeit sehr zuverlässig funktionierte und erst seit einigen Jahren spröde wurde. Normalerweise muss eine solche Belederung bereits nach 20-25 Jahren erneuert werden, diese jedoch hielt fast ein Jahrhundert – ein weiterer Beweis für die hohe Qualität.
Wie bereits im Abnahmebericht angeführt, wurden die jetzt geleisteten Restaurierungsarbeiten durch Orgelbau Mühleisen mit hoher Fachkompetenz und großem Können ausgeführt. Somit ist ein sehr wertvolles, historisches Instrument auch für künftige Zeiten dauerhaft erhalten worden.
Den zahlreichern großen und kleinen Spendern, die diese Arbeiten mit ihren Beiträgen ermöglichten, muß daher besonderer Dank ausgesprochen werden.
Der Orgelsachverständige beglückwünscht die Kirchengemeinde Gundelsheim zu den gelungenen Arbeiten an der fast unverändert erhaltenen Weigle-Orgel von 1899.

Möge das Instrument weiterhin also in Freud und Leid die Gemeinde begleiten, sie zu jubelndem Lob und Dank aufmuntern und sie in schweren Zeiten mit ihrem Klang trösten.

Schwäbisch Hall, 25. Oktober 2010
Burkhart Goethe, KMD


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