Gedanken zum Sonntag Misericordias Domini, 26.04.2020 (Pfarrer Jochen Zimmermann)


 

  Was ist Trost?

Eine Antwort auf diese Frage – die sich in dieser schweren Zeit stellt-, verbindet sich mit dem alten Bild des guten Hirten.
Beim Evangelisten Johannes lese ich diese ruhig-sanften und doch klaren und festen Worte: „ Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe… ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ (aus Johannesevangelium 10).

Das Bild vom Hirten ist eingesunken in das Erinnerungssediment der Menschheit. Ein Bild mit großer Trostkraft.
Früher lebten die Menschen in enger Verbindung mit ihren Tieren wie Schafe und Ziegen. Die Menschen erhielten von ihren Tieren das zum Leben Notwendige. Die Schafe wurden von ihren Hirten versorgt und behütet. Ein gegenseitiges aufeinander Angewiesensein. Eine Art Schicksalsgemeinschaft, um dem gefahrvollen Leben einen Raum der Sicherheit abzuringen.

Was tröstet?
Es ist die Erfahrung, dass ich etwas bekomme, - warum auch immer - was ich mir selbst nicht geben kann. Es steht mir nicht zur Verfügung. Ein Schaf kann sich auf den Schutz eines guten Hirten verlassen. Er steht dafür ein, dass es ihm gut geht. Für sich selbst kann es nicht sorgen. Es wird umfangen vom Vertrauen des Hirten.
Das oft ironisch kommentierte Bild von den Kirchenmitgliedern als die Schafe des Pfarrers trifft das Wesentliche nur ganz am Rande. Wobei es natürlich zurecht das auch von der Kirche falsch verstandene und immer bestätigte Motiv der Hierarchie karikiert. Hier die glaubensdumpfe Gemeinde, dort der selbstbewusste Pfarrer. Leider wird dabei der tief emotionale Prozess, der in dem Bild vom Hirten steckt, verspielt: das Entstehen von Vertrauen. Vertrauen, das in mich gelegt wird. Trost entsteht, wo ich mich versorgt weiß, wo sich jemand um mich kümmert, das Sinken langsam aufhört, und ich festen Boden unter den Füssen spüren kann. Tränen weichen dem Lachen.
Oder mit Johannes zu sprechen, wenn die Fremdheit aufgehoben wird im Wissen, mich kennt jemand.
Darum ist eine der tröstlichsten Erfahrungen von uns Menschen das Gehaltensein und Gestillt werden durch die Mutter, die meinen Namen sagt. Der Prophet nimmt es auf, wenn er sagt, dass Gott wie eine Mutter ist, die ihre Kinder tröstet. Das Trösten kommt erst da zum Ziel in uns, beruhigt den unruhigen, aufgewühlten Geist, wenn ich weiß, ich muss es nicht selbst tun, ich habe es – schon einmal von meiner Mutter – bekommen. Ich bin doch von einem Vertrauen in mich umfangen.
Das ist alles andere als ein Zurückkehren in die Unmündigkeit oder Kindlichkeit.
Es die Erkenntnis, dass ich ruhig werde, wo jemand mir Ruhe zutraut. Sein Vertrauen in mich hineintraut.

Gott, tröste mich.
Mein Herz ist unruhig, halte mich in Deiner Ruhe.
Mein Geist treibt mich von mir weg, umfange mich mit Deinem Geist.
Ich bin unsicher, mach mich in Deiner Geborgenheit fest.
Ich zweifle, schenk Du mir Gewissheit.
Sei in mir fester Grund,
sei in mir eine starke Hand, die mich führt.
Sei in mir ruhiger, fließender Atem.
Sei in mir weites Herz für andere.
Amen



Zurück zum Seitenanfang