Württembergische Kirchenordnung


Ein württembergischer Exportschlager -Die Große Kirchenordnung von 1559 –
ediert von der Forschungsstelle „Evangelische Kirchenordungen des 16. Jahrhunderts“

Nach der Reformation mussten die protestantischen Länder viele Fragen des Zusammenlebens neu regeln. Sie gaben sich Kirchenordnungen, in denen es aber auch um Schulen und die Armenfürsorge gehen konnte – jedenfalls in Württemberg, wo 1559 die große Kirchenordnung in Kraft trat.
Damit diese wichtigen Quellen für alle zugänglich sind, gibt es an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften eine eigene Forschungsstelle für ihre Edition.

Nachfolgend der Beitrag von Frau Dr. Sabine Arend, der ursprünglich bebildert erschienen ist in „Momente“, den Beiträgen zur Landeskunde von Baden-Württemberg, Ausgabe 2/2009. Erhältlich beim Staatsanzeiger-Verlag, Breitscheidstraße 69, 70176 Stuttgart, Tel. 0711 / 6 66 01-44, www.staatsanzeiger.de oder www.momente-bw.de. (Wir danken dem Staatsanzeiger-Verlag für die Genehmigung, den Artikel abdrucken zu dürfen).

Das Jahr 2009 steht für die Evangelische Landeskirche in Württemberg ganz im Zeichen von Jubiläen: Sie feiert nicht nur das 475-jährige Jubiläum der Reformationseinführung in Württemberg, sondern auch den 450. Jahrestag der württembergischen Kirchenordnung.
Herzog Ulrich von Württemberg Herzog Ulrich (Bild links) hatte im Mai 1534 das Herzogtum Württemberg aus der Hand des Habsburger Königs Ferdinand zurückerobert. Aus persönlicher Glaubensüberzeugung wie aus politischen Gründen schloss er das Land umgehend den evangelischen Ständen an. Inmitten seiner mächtigen Nachbarn, dem lutherischen Hessen im Norden und der zwinglianischen Eidgenossenschaft im Süden, kam der Reformation in Württemberg eine Brückenfunktion zwischen beiden theologischen Ausrichtungen zu.
Die Reformationseinführung brachte für die württembergischen Landeskinder weitreichende Veränderungen, die das gesamte Leben von der Wiege bis zur Bahre betrafen: Von den sieben Sakramenten der römischen Kirche wurden nach evangelischem Verständnis nur noch Taufe und Abendmahl anerkannt. Die Taufen wurden nun in deutscher Sprache sowie ohne Beigabe von Salz und Öl zum Taufwasser zelebriert. Die Messen mit lateinischem Gesang der Priester, Totengedenken und Heiligenverehrung wurden zugunsten des schlichten evangelischen Predigtgottesdienstes abgeschafft. Beim Abendmahl erhielten die Gläubigen nun auch den Kelch und die Sterbenden wurden nicht mehr mit der letzten Ölung, sondern mit dem Evangelium getröstet.
Die Reformation war kein ausschließlich kirchliches Ereignis. Im 16. Jahrhundert waren Kirche und Gesellschaft eng miteinander verflochten, und so hatte die grundsätzliche Neubestimmung der religiösen Lehre politische und gesellschaftliche Folgen. Zahlreiche Lebensbereiche der Bevölkerung wurden radikalen Veränderungen unterzogen: Die Modalitäten von Eheschließung und -scheidung, die vor der Reformation in den Händen der bischöflichen Gerichte lagen, nahm nun ein herzogliches Ehegericht wahr. Das Schulwesen erlebte einen Aufschwung. Die allgemeine Bildung des einfachen Volkes sollte verbessert werden, damit der „gemeine Mann“ Luthers deutsche Übertragung der Bibel lesen und verstehen konnte. Herzog Ulrich lag auch das vorbildliche Verhalten seiner Untertanen am Herzen. Er bemühte sich, seine Landeskinder sittlich und moralisch zu erziehen, indem er gegen Fluchen und Gotteslästern ebenso vorging wie gegen übermäßiges Trinken und Glücksspiel in den Gasthäusern. Schließlich zog er das überflüssig gewordene Kircheninventar der nicht mehr benötigten zahlreichen Messaltäre ein, um aus dem Erlös die evangelischen Geistlichen zu besolden und Schulen, Hospitäler und Siechenhäuser zu unterhalten. Den Unsicherheiten, die mit den Umbrüchen der Reformation in vielen Lebensbereichen auftraten, begegnete der Landesherr mit zahlreichen Maßnahmen, die mit dem Begriff „Kirchenordnung“ zusammengefasst werden können.

Herzog Christoph von WürttembergAuf dem reformatorischen Grundstein, den Herzog Ulrich bis zu seinem Tod 1550 in Württemberg gelegt hatte, baute dessen Sohn Christoph (1556 - 1568) (Bild rechts) weiter auf. Unter ihm konsolidierte sich das Herzogtum sowohl politisch als auch konfessionell. Es entstand eine Landeskirche mit solider Verfassung: Herzog Christoph schuf in Württemberg das Vorbild eines evangelischen Staates. Zu den bedeutendsten Maßnahmen dieser Konsolidierung gehörte die Veröffentlichung der Großen Württembergischen Kirchenordnung im Mai 1559. Auf mehr als 500 Seiten sind hier 19 Ordnungen versammelt, die das gesamte Spektrum des Regelungsbedarfs erkennen lassen. Dieses reichte von den Gottesdiensten, der Besetzung kirchlicher Ämter und deren Aufgaben, über das Armenwesen, das Eherecht, die Visitation und Kirchenzensur, das Leben in den Klöstern bis hin zu Landinspektionen sowie Maßgaben für Schulen, Stadtschreiber und Ärzte. Die Confessio Virtembergica, das von dem württembergischen Reformator Johannes Brenz ausgearbeitete Glaubensbekenntnis, ist dem umfangreichen Ordnungstext vorangestellt. Mit dieser „Präambel“ unterstellte Herzog Christoph auch die politischen Teile der Kirchenordnung seiner evangelischen Glaubenshaltung.

Titelseite der Großen Württembergischen Kirchenordnung von 1559Mit der Großen Württembergischen Kirchenordnung fasste der Herzog 1559 sämtliche gesetzgeberische Maßnahmen, die er seit Ende des Interims getroffen hatte, in einem umfassenden Corpus zusammen. Dessen herausragender Stellenwert zeigt sich zum einen darin, dass die Kirchenordnung eine ausgesprochen lange Geltungsdauer besaß: Manche ihrer Teile waren bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts gültig. Zum anderen lag ihre Bedeutung im weitreichenden Einfluss auf andere Territorien und Reichsstädte: Die von Johannes Brenz entworfenen Regelungen des Gottesdiensts, der Taufen, Eheschließungen und Begräbnisse wurden vielerorts übernommen und machten die Kirchenordnung zu einem „Exportschlager“. So war die Große Württembergische Kirchenordnung nicht nur in der Kurpfalz, in Pfalz- Neuburg, der Markgrafschaft Baden sowie in den Grafschaften Oettingen und Limpurg in Gebrauch. Der Prediger Primus Truber wählte sie 1564 auch als Vorlage für seine slowenische Kirchenordnung. Ferner wurde eine Übersetzung ins Kroatische für die evangelischen Bewohner der Herzogtümer Steiermark, Kärnten und Krain angefertigt, und sogar die Schwedische Kirchenordnung von 1571 orientierte sich an dem württembergischen Muster. Die Große Württembergische Kirchenordnung stellt eine hervorragende Quelle für die politische Geschichte des Herzogtums dar. Sie liefert wichtige Bausteine nicht nur für die Kirchengeschichte, sondern auch für die Verfassungsgeschichte eines frühneuzeitlichen Territorialstaats. So sind die Texte etwa für die Frage nach der Entwicklung des Konsistoriums und Ehegerichts von Bedeutung. Ferner ist die Kirchenordnung durch ihre Regelungen zur Armenfürsorge sowie zum Auf- und Ausbau des Schul- und Bildungswesens für die Sozial- und Alltagsgeschichte interessant. Auch liturgie-, musik- und kunstgeschichtliche Fragestellungen können anhand der Großen Württembergischen Kirchenordnung beantwortet werden.

Dr. Sabine Arend ist Historikerin und seit 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle „Evangelische Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Die Beschäftigung mit kirchengeschichtlichen Themen ist ihr seit vielen Jahren ein Anliegen. An den Kirchenordnungen fasziniert sie besonders, dass sie einen lebendigen Einblick in das kirchliche und gesellschaftliche Leben der Menschen in der Frühen Neuzeit bieten und dass sie zeigen, welche Veränderungen die Reformation an der Basis bewirkte.


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