Gedanken zum Sonntag Jubilate, 03.04.2020 (Pfarrer Jochen Zimmermann)


 

  „Im Ganzen sein“

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben …wer in mir bleibt und ich ihm ´, der bringt viel Frucht ( Johannesevangelium Kapitel 15).

Wir leben im Ganzen und verstehen nur Teile.
Die Rede vom Weinberg und das Bild vom Weinstock hat eine lange Tradition. Die Propheten sprechen vom Volk Israel als einem Weinberg, der mal schlechte, mal gute Früchte bringt. Oder sie nennen das ganze Volk einen Weinstock, den Gott mitten ins Land eingepflanzt hat. Der Weinbau war Lebensalltag der Menschen. Ein Gleichnis für das Leben.
Jesus sagt von sich selbst, er sei der Weinstock, seine Jünger die Reben. Er selbst macht sich zum Gleichnis. Der Weinstock ist das Ganze, die Reben sind Teile, an denen sich die Frucht bildet.
Die Früchte sind für ihn der liebende Zusammenhalt der Jünger*innen, eine hingebungsvolle, sich selbst zurücknehmende Solidarität der Glaubenden.
Wir Menschen haben unseren Platz im Ganzen des Lebens. Leben ist eingebettet, eingepflanzt sein. Wir haben, was wir haben, wir können, was wir können, wir verstehen, was wir verstehen, nur von einem größeren, umfangenden Zusammenhang her. Das Leben ist ein Ganzes, unser Wissen ist Fragment.
So wenig wie eine Rebe wachsen und reifen kann, so wenig können wir sinnvoll und gut leben, wenn wir uns nicht inmitten des Ganzen des Lebens erkennen. Wir vergessen sonst unseren Ursprung.

Das ist keine Antwort auf die dunklen Fragen dieser Krisenzeit, kein Fenster, durch das wir schon den helleren Tag sehen können. Es ist eine Erinnerung daran, wie wenig wir uns aus dem Ganzen des Lebens herauslösen können.
Ich spüre es in diesen schweren Tagen viel deutlicher, wenn ich Vögel wahrnehme oder andere Tiere, die quasi unbeeindruckt und unbelastet von dem furchtbaren Geschehen leben - deren Leichtigkeit mich jeden neuen Tag an das Ganze des Lebens erinnert, in dem ich nur ein Teil bin.

Gott,
was für Tage jetzt!
Verloren sind Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit,
gestorben sind so viele Menschen!
Lass Sie finden Ewigkeit!
Lass mich finden Menschlichkeit und Solidarität!
Schenk mir Geduld in dieser Zeit und Hoffnung,
die innerlich stark macht.
Schenk mir Aufmerksamkeit für Menschen um mich,
und Vorsicht für mich.
Lass mich für alle denken.
Fähig mach mich, mich zurückzunehmen.
Zurücktreten lass meine selbstbezogenen Wünsche,
meine übertriebenen Forderungen!
Gib mir Mut, Gott, für das, was kommen muss
und bitte der Zukunft ein menschliches Gesicht.

Amen



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