Predigt im Gottesdienst zum Sonntag Jubilate, 26.04.2015 (Pfarrer i. R. Ernst Dehlinger)


Vorbemerkung:
Katastrophen geschehen in der Regel unvorhergesehen. Das Unheil widerstrebt der geordneten Zeit des Kirchenjahrs, sie passen nicht in die Liturgie des sonntäglichen Gottesdienstes. Aber: “Störungen haben Vorrang“ , andernfalls zeigt sich gottesdienstliche Weltfremdheit, deshalb müssen sie innerhalb des Gottesdienstes zur Sprache kommen.

Eröffnung:
Am Morgen dieses 3. Sonntags nach Ostern kommen wir zu Gott, der die Quelle des Lebens ist, der Ursprung unerschöpflichen Seins.
Er lasse uns spüren, dass er uns nahe ist in Jesus Christus, der ins Leben auferweckt ist. Er erfreue und ermutige unser Herz mit seinem Leben stiftenden Geist, wie die Verheißung des Spruchs lautet, der über dieser Woche steht:
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ 2.Kor 5,17

Wir sind erschüttert angesichts der vielen Toten an den Grenzen Europas. Die Bilder von der erneuten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer zeigen zweierlei: Einerseits ein großes menschliches Drama. Andererseits zeigen diese Bilder das weitgehende Versagen der Politik. Es darf nicht sein, dass die dafür Verantwortlichen die Gestaltung der europäischen Flüchtlingspolitik skrupellosen Schleppern überlassen, denen ein Leben nichts, Geld dafür alles ist. Die europäische Politik ist gefordert, alle Anstrengungen zu unternehmen, Katastrophen wie diese für die Zukunft zu verhindern. Unsere humanitäre Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Wir sollten sie nicht durch Wegschauen und Nichtstun verspielen. Es waren und sind Menschen auf der Flucht vor Krieg, Folter, politischer Verfolgung um ihres Glaubens willen, Hunger und Armut, verursacht durch die Politik und das Agieren von Großkonzernen in Europa.
Agrarsubventionen der EU ermöglichen, dass die Lieferung verbilligter Hähnchenteile, die mit aus Afrika in riesigen Monokulturen angebauten Futtermittel in Europa aufgezogen wurden, damit wir billiges Fleisch essen können - und somit den afrikanischen Bauern dann die Lebensgrundlage rauben.
Spanische Hochseeflotten rauben den westafrikanischen Fischern im Atlantik die Lebensgrundlage.
Es sei eine sehr unbefriedigende Situation - meint die Bundeskanzlerin - zu den Dramen im Mittelmeer. Aber geändert hat sich nach dem Gipfeltreffen der Regierungschefs nichts.
Und bis heute über 2300 Tote bei dem Erdbeben in Nepal.
Herr, erbarme dich!

Predigttext: Joh 15,1-8
Ich bin Gottes Weinstock. Mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die unfruchtbar ist, schneidet er heraus, und jede fruchtbare Rebe reinigt er von überschüssigen Trieben, damit sie noch mehr Frucht trägt. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich euch gesagt habe. Bleibt eins mit mir, so bleibe auch ich eins mit euch.
So wie die Rebe nur Frucht tragen kann, wenn sie am Weinstock bleibt, könnt auch ihr nur Frucht tragen, wenn ihr eins bleibt mit mir.
Ich bin der Weinstock, ihr die Reben. Wer eins mit mir bleibt und mit dem ich eins bleibe, der wird reiche Frucht tragen, denn ohne mich könnt ihr nichts ausrichten.
Wenn einer nicht eins bleibt mit mir, wird er herausgeschnitten wie die unfruchtbare Rebe, und er verdorrt. Die verdorrten Reben werden gesammelt und ins Feuer geworfen, so dass sie verbrennen.
Wenn ihr eins mit mir bleibt und meine Worte mit euch, dann wird euch jede Bitte erfüllt.
Dadurch, dass ihr reiche Frucht tragt und meine Jünger seid, wird die Herrlichkeit meines Vaters sichtbar.

Kanzelgruß:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
„Reblaus“ heißt ein Schädling, der Mitte des 19. Jahrhunderts von Amerika nach Europa eingeschleppt wurde und hier den gesamten Weinbau zu vernichten drohte. Das gemeine Tier saugt an den Wurzeln der Pflanze und macht ihr schließlich den Garaus. Heilung brachten amerikanische Wurzelstöcke, die gegen den Schädling resistent sind. Auf sie pfropft man seither die europäischen Sorten. Und die Reblaus guckt in die „Röhre“.
Auch der Kirche wird heute kritisch die eine oder andere Krankheit bescheinigt: Allgemeiner Kümmerwuchs bei schwindender Substanz; mageres oder ungenießbares Fruchten; Saft- und Kraftlosigkeit der Verkündigung, schwindende Verwurzelung innerhalb der modernen Gesellschaft, um nur einige zu nennen. So wird gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer wieder darüber nachgedacht, wo etwas zu beschneiden wäre und wie nutzlose Mitesser, Rebläuse also, zu entfernen wären.
Und natürlich gibt es auch die Idee, die Kirche gegebenenfalls auf bessere Wurzelstöcke zu pfropfen, z.B. auf die amerikanische Sorte „Willow Creek Community Church“ eine Freikirche in den USA, die Kongresse und Schulungen auch in Deutschland durchführt. Kirche als Wohlfühltempel mit Unterhaltungsprogramm. Jeder Gottesdienst ein Mega Event.
Oder die bereits weit verbreitete Sorte „McKinsey“. Mit dem Ergebnis, dass in unserer Kirche heimlich still und leise von der kameralistischen auf die kaufmännische Buchführung umgestellt wurde. Was rechnet sich, was bleibt unter dem Strich.
Oder „Kirche der Freiheit“ wurde 2006 von der EKD als Reformprogramm eingeführt. Tatsächlich handelt es sich um einen tiefgreifenden Umbau: die evangelischen Kirchen werden hierarchisiert, zentralisiert, bürokratisiert, ökonomisiert. Sie verlieren ihren Kern.
Liebe Gemeinde! - Die Mitgestaltung in der von unten aufbauenden synodalen Verfassung der Kirche Jesu Christi darf nicht durch die hierarchische Struktur und Unternehmensform eines Religionskonzerns ausgehöhlt und beseitigt werden.
Auch wird dem gesamten Weinberg „Fundraising“ verordnet, was zu deutsch „Kapital aufbringen“ heißt, im Raum der Kirche aber gerne mit „Schätze heben“ übersetzt wird – in Verwechslung mit dem Gleichnis vom Schatz im Acker (Mt 13/44), wo es um etwas ganz anderes geht.
Offensichtlich handelt es sich hier um den Versuch einer grundlegenden Bodenoptimierung für den Weinberg Kirche. Ich will all die ernannten und selbsternannten Pflanzendoktoren und Weinbauexperten in der Kirche nicht entmutigen – muss aber feststellen, dass Rebläuse und andere Krankheiten in unserem Predigttext überhaupt keine Rolle spielen. Sie kommen nicht vor. Ich stelle auch fest, dass in dem Weinberg, den Jesus uns vor Augen malt, nur ein Weinbauer am Werk ist: Gott selbst. Schließlich muss die Kirche auch noch die Kränkung hinnehmen, dass sie nicht der Weinstock ist, sondern nur die Reben.
Christus ist der Weinstock und die Kirche hängt sozusagen nur an ihm, oder fällt ab, verdorrt und taugt nur noch zum Verheizen. Denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Das können Kirchenaktivisten, die wir hoffentlich alle sind, wirklich schwer hören.
Aber in jeder Kränkung, die ein Wort der Bibel für uns auf den ersten Blick bereithält, steckt etwas Heilsames. Oder ist das nicht entlastend, wenn Jesus uns den Platz als Rebe und Traube zuweist, um die sich Gott der Weingärtner kümmert? Er geht achtsam mit uns um; beschneidet den ein oder anderen Wildwuchs, bindet an und nimmt auch einmal etwas weg, an dem wir hängen. Das mag schmerzlich sein, aber der Weingärtner weiß um das gute Ziel.
"Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe", sagt Jesus und nimmt seinen Jüngern die Angst, der Weingärtner könnte gleich zum Spaten oder zur Axt greifen.
Wer am Weinstock Christus wächst hat für immer Zukunft. Denn in Ewigkeit wird Gott diesen Weinstock nicht verwerfen. Deshalb ist dies auch ein österlicher Text. Deshalb gehört er zum Sonntag Jubilate: Wir dürfen ganz zu dem gehören, der an Ostern die Mauern des Todes für immer eingerissen hat. Da mag es seltsam klingen, dass Christus uns zum Bleiben auffordert. Einer Rebe am Weinstock muss solches ja nicht extra gesagt werden. Für sie ist es eine „unmögliche Möglichkeit“ sich vom Weinstock zu trennen.
Aber Jesus weiß, was für Früchtchen wir sind, und dass uns „unmögliche Möglichkeiten“ immer wieder in den Sinn kommen. Abhängig sein, schmeckt unserem Stolz gar nicht. Und deshalb wollen wir uns oft gar nicht die Mühe machen, die guten Abhängigkeiten von den schlechten, die lebensnotwendigen von den zerstörerischen zu unterscheiden. Besonders der aufgeklärte und moderne Mensch hat ein Talent, auch die Äste abzusägen, auf denen er sitzt: Er bedroht die Ökosysteme, von denen er lebt, er vergiftet die Luft, die er atmet, er verbraucht die Schätze der Erde, als gäbe es kein Morgen, er vergisst seine Grenzen und dass ihm einer sagen muss, was gut ist und dem Frieden dient.
Wenn der Mensch auf dieser Welt die Augen aufschlägt, weiß er es noch nicht. Gebildet muss er erst werden, um für diese Welt gerüstet zu sein. Und deshalb muss Kirche Bildung im umfassenden Sinn zu ihren Grundanliegen zählen, weil sie um diese Wahrheit weiß: Den Saft, den der Mensch braucht, um zu blühen und Frucht zu tragen, kann er sich nicht selbst herstellen. Er ist wie die Rebe auf den Weinstock angewiesen. Wir alle kennen genug Beispiele, was passiert, wenn Menschen von allen guten Säften, oder sagen wir besser, von allen guten Geistern verlassen sind. Man muss nur einmal am Nachmittag das Privatfernsehen einschalten. Oder die Nachrichten hören. Früher hatten wir eine soziale Marktwirtschaft. Heute haben wir eine marktkonforme Demokratie, wie es die Bundeskanzlerin nennt, d.h. das Kapital gibt die Richtlinien der Politik an und nicht mehr die gewählten Vertreter der BürgerInnen. Verteilung von unten nach oben. Man muss nur in den geschönten Armutsbericht der Regierung hineinschauen. Früher haben Menschen von Ihrer Hände Arbeit leben können, heute ist es für viele nicht mehr möglich.
Oder wenn ich im Fernsehen einen Pegidamitläufer mit einem Styroporkreuz auf dem Rücken in den Farben den Bundesrepublik sehe! Weiß der, was er tut? Er propagiert ein Deutschnationales Christsein. Das hatten wir doch schon einmal. Die Deutschen Christen in der Nazi-Zeit.
Wir sind wir als Christen an Gottes Wort gebunden: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ (3.Mose 19,33f) Auch wenn eine Unterstützung von Asylbewerbern nicht von jedem zu erwarten ist, ist doch klarzustellen: Wer bei uns Asylbewerber rassistisch herabwürdigt oder bedroht, und wer Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in der Wahrnehmung ihrer asylrechtlichen Aufgaben bedroht und verunglimpft, wer Wohnheime für Flüchtlinge abfackelt schließt sich selbst aus der Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi aus.
Es macht also Sinn, dass Jesus uns grundsätzlich zum Bleiben auffordert. Wie solches Bleiben im Einzelnen aussieht, können wir im Bild des Weinstocks ohne große Aufregung betrachten. Nein, die Rebe muss sich darüber nicht jeden Tag Gedanken machen. Schon gar nicht muss man ihr dieses Bleiben als besonderes Werk erklären und sie zu größerer Anstrengung ermahnen. Alles andere als verkrampft hängt sie am Weinstock. Ist es vermessen, mit diesem Bild auf die „Vegetation des Glaubens“ aufmerksam zu werden? Der Glaube hält sich an Gott fest, selbstverständlich und unspektakulär. Manchen Halt, den die Weinranke entwickelt, wird der Weingärtner sogar wieder lösen, um ihr eine bessere Richtung zu geben. Es wäre daher wirklich lächerlich, ein Handbuch für Reben zu schreiben, in dem im Einzelnen erklärt wird, wie sie am Weinstock zu bleiben hätte. Es geht wirklich auch ohne.
Aber ohne zwei Dinge geht es nicht: Ohne Christus und sein Wort. Vom Weinstock Christus kommt der Saft, der der Rebe Kirche alles gibt, was sie zum Wachsen, Fruchtbringen und Gesundbleiben braucht: Sein Wort und Sakrament. Wo sie von seinem Wort und Willen durchdrungen ist, wird sie ihm mit ihren Gebeten antworten und sie werden in Erfüllung gehen. Denn sie entspringen dem Herzen Gottes und schallen ihm aus den Herzen und Mündern der Gemeinde zurück.
Hier gehört schließlich hin, was im Bild der „Vegetation des Glaubens“ „Früchte“ genannt wird. Jetzt in diesen Tagen erleben wir, was wir noch wenige Wochen vorher für unmöglich hielten. Keiner kann sich dem Wunder verschließen, wie über Nacht das Wachsen losbricht. Und in den Bäumen die Vögel alle Melodien aus ihrem Repertoire jubilieren, das sie gelernt und sich zugelegt haben.
Eine Stimme braucht Bildung. Ein Herz noch viel mehr. Nicht jeder hat ein Herz für Kinder oder für seinen Nächsten, für Flüchtlinge und Asylbewerber. Nicht jeder bremst auch für Tiere. Nicht jeder, der viel hat, hat auch viel übrig. Darüber schimpfen hilft niemandem. Darum zu beten um so mehr: Um üppige „Vegetation des Glaubens“, um Bildung des Herzens, um Achtsamkeit mit den Mitgeschöpfen, um einen guten Tropfen Menschlichkeit. Denn das sind die Früchte, über die sich der wahre Wein- und Weltengärtner am meisten freut.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Ernst Dehlinger Pfr. i.R.



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