Predigt zum Ökumenischen Gottesdienst beim Böttinger Herbstfest, 16.10.2011
(Pfarrer Jochen Zimmermann)


Danken und Gerechtigkeit

Das ist ein Fasten - oder ich übersetzte freier:
das ist ein Feiern wie ich es liebe: /
die Fesseln des Unrechts zu lösen, /
die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, /
Wenn du an die Hungrigen dein Brot austeilst, /
die obdachlosen Armen ins Haus aufnimmst, wenn du einen Nackten siehst,
ihn zu bekleidest und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte /
und deine Wunden werden schnell vernarben.
Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.
Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, /
auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest,
dem Hungrigen dein Brot reichst , dann geht im Dunkel dein Licht auf /
und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.

Warum feiern wir?
Warum feiern wir Gottesdienst?

Wer Gottesdienst feiert, der dankt Gott für sein Leben! Darum sind wir hier in dieser alten Kelter zum Gottesdienst, um Gott zu danken für unser Leben.
Das ist der Grund für Religion, für Gottesdienst!

Haben Sie sich einmal gefragt, was geschieht, wenn wir danken???
Wenn Sie sich bei einem anderen bedanken.
Sie sagen jetzt, dass gehört sich, das ist höflich.
Ich sage, es ist vor allem menschlich.
Danken ist viel mehr als Höflichkeit.
Wie meine Oma ganz penetrant am Tisch beim Essen Wert darauf legte, dass ich mich beim Nachbarn bedankte, wenn er mir was gab.
Was geschieht, wenn ich einem anderen Danke sage?
Ich freue mich, etwas bekommen zu haben.
Ich habe etwas empfangen, für was ich nichts kann, das ich mir selbst nicht geben kann!
Ich anerkenne, dass der andere etwas für mich bedeutet.
Dietrich Bonhoeffer hat über das Danken so schön gesagt:
Im normalen Leben wird es einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich viel mehr empfängt als er gibt, und Dankbarkeit das Leben erst reich macht.

Wir danken Gott für die Früchte der Natur,für unsere Lebensmittel
für die Ressourcen der Erde
für die Gaben des Lebens,
für die Farben, den Duft,
für den Geschmack dieser Welt,
für den Reichtum der Schöpfung,
für die Lebensfreude.
Wir danken für alles, was wir empfangen haben.
Was uns gegeben wurde, auch ohne dass wir etwas dafür getan haben.
Wesentliche Dinge im Leben sind uns gegeben, sie sind da, für uns da, ohne dass wir etwas oder viel dafür können.
Dankbarsein kommt aus einer Haltung des Glücks und der Zufriedenheit, aus dem Gefühl der Freude.
Wer dankbar ist, der ist letztlich glücklich,
Wer danken kann, weiß, dass es nicht um ihn allein geht im Leben. Dass ich immer auch auf andere angewiesen bin, von denen ich etwas empfange.

Bitte nehmen Sie für sich jetzt etwas Zeit, um zu überlegen, für was Sie heute morgen Danke sagen wollen.
ZEIT!!!! STILLEEE!!!

Wer nicht danken kann, warum auch immer, der verlässt sich auf sich selbst und seine Lebenskraft.
Der glaubt, dass er nicht auf andere angewiesen ist.
Der Dankbare weiß: ich brauche Menschen, die mir wohl gesonnen sind, die es gut mit mir meinen.

Genau hier sind wir an dem Punkt, an dem Danken zur Aufmerksamkeit wird für das Leben und für andere Menschen, Danken und Gerechtigkeit gehören zusammen.
Ich lese nochmals einige Sätze aus der Lesung:

Das ist ein Fasten - oder ich übersetzte freier:
das ist ein Feiern wie ich es liebe: /
die Fesseln des Unrechts zu lösen, /
die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, /
Wenn du an die Hungrigen dein Brot austeilst, /
die obdachlosen Armen ins Haus aufnimmst,
wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleidest und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte /

Ich möchte Ihnen sagen, was diese Worte mit uns heute Morgen hier in der Kelter zu tun haben!
Sie wurde von einem Propheten geschrieben, der die Menschen seiner Zeit heftig kritisierte.
Er warf ihnen vor, dass sie Gottesdienst feiern, obwohl der soziale Zusammenhalt bei ihnen fehlt.
Das Miteinander, das soziale Gewissen waren nicht vorhanden, Armut und Ungerechtigkeit gaben sich die Hand. In dieser Situation sind die religiösen Feiern, die Feste ohne Sinn, Heuchelei, blosser Schein, sagt der Prophet.
Es gibt quasi eine Innenseite und eine Außenseite des Glaubens:
Ich glaube an Gott, das tu ich für mich, ich danke Gott, dass ich bin. Das ist innnen.
Aber nach außen sorge ich mich um Gerechtigkeit für andere Menschen, für die Gemeinschaft, in der ich lebe.
Wenn ich mich an meinem Haus freue und gern in meinem Garten sitze und alles bewundere, wie es blüht und wächst, und in den hellen Himmel über mir hinein lache, und für mich denke, wie gut es mir im Grunde geht, und dass mein Leben sicher ist. Aber auf der anderen Seite hat mein Nachbar die allergrößten Probleme und kommt mit seinem Leben nicht klar und ich merke, wie schlecht er aussieht. Aber es berührt mich nicht, weil ich selbst genug habe, dann wird meine Dankbarkeit und mein Glück hohl.

Mich enttäuscht es immer wieder, wenn gesagt wird, Religion soll sich nicht einmischen in die Politik, sie soll hinter den Kirchenmauern ihren Glauben pflegen, für Gerechtigkeit sorge schon der Staat.
Wer so denkt, verkürzt die Religion auf den Innenraum, schneidet das Leben ab.
Jeder Tag, jede Beziehung, jeder Mensch, dem ich begegne, trägt in sich den Wunsch nach Gerechtigkeit, ist eine Herausforderung an mich, gerecht und aufmerksam zu sein.
An jedem Tag werde ich gefragt:
Lebe ich für mich oder teile ich mein Leben mit anderen?
Was geben mir andere Menschen?
Wende ich dem anderen das nötige Maß an Aufmerksamkeit zu?
Hat die oder der andere auch genug zum Leben?
Kann ich einem anderen wieder aufhelfen?
Interessiere ich mich für die in meiner Nähe?
Kümmert mich das Schicksal meines Nachbarn?
Aufmerksamkeit, Zusammenhalt, soziale Verbindungen über die Familie hinaus werden immer wichtiger in unserer Zeit.

Gottesdienst und Feiern macht nur Sinn, sagt der Prophet der Bibel, wenn es unter euch auch gerecht zugeht.

Ein Fest wird dann ein Fest, wenn die Menschen teilen können, ihre Zeit teilen, ihr Engagement, ihre Freude am Leben, natürlich auch ihre materiellen Möglichkeiten, ihre Dankbarkeit teilen!
Wer dankbar ist für sich und sein Leben, der kann von sich etwas geben, der will, dass alle leben können.
Ein Fest ist die schönste Form, das Leben zu teilen!

Das wünsche ich uns für Sie hier, für unsere Stadt, dass unsere Feste ein Maßstab, ein Gradmesser sind für die Stabilität, für die soziale Aufmerksamkeit untereinander, für ein gerechtes Miteinander, für die Bereitschaft, zu teilen.
Nur wer teilt, kann auch feiern.
Und wer feiert, der teilt.
Amen



Zurück zum Seitenanfang