Gedanken zu Gründonnerstag, 10.04.2020 (Pfarrer Jochen Zimmermann)


Gedanken zu Gründonnerstag mitten in der Coronazeit

„Nehmt und esst, das ist mein Leib… Das ist mein Blut des Bundes für viele vergossen…“

Sie wollen das Passahfest feiern, das große jüdische Befreiungsfest, doch es kommt anders an diesem Abend.
Jesus holt die uralte Tradition in sich hinein und verwandelt sie von seinem Herzen her zu etwas Neuem… Jeder Einzelne mit Haut und Haaren, mit seinem ganzen blutdurchströmten Körper steht jetzt in der Mitte, die Mitte des Lebens ist jetzt in uns selbst.
"Nehmt und esst, das ist mein Leib… Das ist mein Blut des Bundes für viele vergossen…“
Sie nehmen vom Leben Jesu und werden so zu Beschenkten seiner Lebensenergie, seines Glaubens.

Merkwürdige Parallele zu dieser Zeit: Die Gottesdienste finden aus Schutzgründen nicht statt. Die Tradition kann nicht vollzogen werden, nicht gelebt werden. Auch wenn sie ja von den meisten nicht mehr als solche wahrgenommen wird. Jeder und jede ist nun auf sich zurückgeworfen, ganz im realen und körperlichen Sinn – daheim in seiner privaten Quarantäne. Jeder und jede von uns mit der Frage: Wirkt diese Mitte in mir, von der Jesus spricht? Habe ich dieses Vertrauen, diese ungeheure Freiheit, diesen Wunsch nach Vergebung in mir, durchströmt mich das wie mein Blut meine Adern?

Wir können das Ganze nochmal mit anderen Worten beschreiben: Das immer wiederkehrende Erinnern an eine wichtige Erfahrung wird verwandelt in ein gegenwärtiges Erleben, in ein Gefühl, das ich im Moment benennen kann.

Es ist so: Wir müssen uns ja sooft verabschieden in unserem Leben, die kleinen, die ganz kleinen, die alltäglichen Abschiede von Menschen, es kommt immer wieder, wiederholt sich ungezählte Male.
Doch einmal kann es sein, dass in einem Abschied von einem Menschen plötzlich etwas ganz Neues beginnt. Dieser Abschied war gar kein Abschied sondern ein Neubeginn.
Ein solches Erlebnis ist mit Gründonnerstag gemeint, ein kirchliches Fest wird zu einem tragenden Klang in mir selbst.

Gott,
wir leben in dieser Zeit der Virusepidemie
ein ganz anderes Leben.
Voller Vorsicht, voller Fragen, voller Trauer über Menschen, die sterben müssen.
Wir leben, aber alles fühlt sich ganz anders an,
wie aus der Mitte geraten.

Wir bitten Dich, dass Du uns diese Mitte in uns wieder schenkst.
Dass wir es sind, wir mit unserem Körper, unserem Verstand, unseren Gefühlen, die vom Leben gemeint sind.
Bitte Gott, lasss doch bald wieder beides zusammenkommen,
Mitte bekommen:
Diese wunderbaren strahlenden Tage des Frühlings.
Und unser unruhiges, trauriges Herz…
Schenk uns doch bald wieder Lachen und Glück und Vertrauen.

Amen



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