Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Gundelsheim

Ernst Bader

 
Als am 24. August 1896 die im neugotischen Stil erbaute evangelische Kirche festlich eingeweiht wurde, ging für die nunmehr 268 evangelischen Christen in der Stadt Gundelsheim ein Traum in Erfüllung. Die fast zwei Generationen währende Zeit der Diaspora war vorbei. Endlich hatte man ein „sicheres Heim der Gemeinde“, eine Kirche, von der, wie der damalige Dekan Hönes aus Neuenstadt in seiner Weiherede über Joh. 7, 37 und 38 sagte, ein „reicher Segensstrom“ ausgehen soll und deren Aufgabe es sei „den Durst der Seelen nach Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zu wecken“.

Schloß Horneck
Schloß Horneck heute

Nur langsam konnten Christen evangelischen Glaubens in Gundelsheim Fuß fassen. So wird für das Jahr 1802 von 6 Angehörigen evangelischer Konfession in Gundelsheim berichtet, während in den umliegenden Gemeinden es schon viele Evangelische gab, ja rein evangelische Gemeinden mit einem reichen Gemeindeleben enstanden waren. Woran lag das? Hierzu muss man etwas in die Geschichte zurückgehen. Gundelsheim war über mehrere Jahrhunderte im Besitz des Deutschordens. Der höchste Würdenträger des Ordens, der Deutschmeister, hatte von 1438 bis 1525 seinen Sitz im Schloss Horneck. Von den Wirren des Bauernkriegs wurde auch das Schloss Horneck nicht verschont.1525 wurde es niedergebrannt. Obwohl es später wieder aufgebaut wurde, verlegten die Deutschmeister ihre Residenz nach Bad Mergentheim. Die Ortsherren achteten streng darauf, dass reformatorisches Gedankengut in ihrem Herrschaftsgebiet, in der „Deutschen Ebene“, später der „Krummen Ebene“ (wohl benannt nach dem Krummstab, dem Herrschaftszeichen der Bischöfe) nicht bekannt wurde. Während die Lehre Luthers besonders in den badischen Gemeinden am anderen Neckarufer begierig aufgenommen wurde, waren Evangelische in Gundelsheim nicht geduldet. Erst nachdem 1805/1806 auf Anordnung Napoleons geistliche Güter und Besitzverhältnisse teilweise in das Herzogtum Württemberg übergingen und somit Gundelsheim am 29. November 1805 württembergisch wurde, konnten sich Christen evangelischen Glaubens nach und nach hier niederlassen.

Im Jahr 1854 waren 67 evangelische Glaubensgeschwister hier ansässig, 1871 bereits 108, das entsprach ca. 10% der Gesamtbevölkerung. Ihre Zahl stieg auf 321 im Oktober 1924, 1936 lebten schon 387 Evangelische in unserer Gemeinde, 1950 waren es 624. Als 1961 im Schloß Horneck das „Heimathaus Siebenbürgen“ eröffnet wurde und etwa 120 evangelische Heimbewohner einzogen, erlebte die kleine Kirchengemeinde einen weiteren Zuwachs, so dass sich ihre Zahl bis 1964 auf ca. 1000 Gemeindeglieder steigerte. Heute (im Jahr 2004) leben 1648 Christen evangelischen Glaubens in Gundelsheim. Bei einer Einwohnerzahl von 7591 Personen sind das ca 22% der Bevölkerung.

Für die evangelischen Gläubigen war es bis in die 50er Jahre des 19. Jahrhunderts nicht einfach, ihren Glauben zu leben, fehlte es doch an einem geeigneten Raum. Zum Gottesdienst mussten sie nach Kochendorf gehen, wo sie „eingepfarrt“ waren. Von einer Gemeinde im eigentlichen Sinne konnte man erst reden, nachdem 1871 den Evangelischen in Neckarsulm, Gundelsheim, Offenau und weiteren Orten eine Pfarrverweserei mit Sitz in Neckarsulm zugestanden wurde. Gundelsheim wurde somit Filialgemeinde von Neckarsulm, was z. B. bedeutete, dass dort die Kirchenbücher geführt wurden. Der damalige Besitzer des Schlosses Horneck, Apotheker Sandel, ebenfalls evangelisch, stellte der jungen Gemeinde einen Raum in der Schlosskapelle zur Verfügung, den sie auf eigene Kosten herrichteten konnten und in dem nun jeden Sonntag Gottesdienst stattfand. In Ermangelung eines eigenen Pfarrers sprangen die Geistlichen der badischen Nachbargemeinden Heinsheim, Neckarmühlbach und Haßmersheim ein und teilten sich die kirchlichen Aufgaben mit dem Geistlichen der Mutterkirche Neckarsulm. Hervorzuheben ist hier besonders Pfarrer Kuhn aus Heinsheim, der sich 25 Jahre lang um unsere Gemeinde bemühte und erst 1876 wegen Überlastung seine Aushilfstätigkeit einstellen musste. Erwähnt werden muss auch das besondere Engagement der katholischen Kirchengemeinde, aus deren Reihen sich immer wieder Helfer fanden, die der jungen Gemeinde beistanden. So wird berichtet, dass katholische Lehrer sich zur Unterstützung des Religionsunterrichts, für Orgeldienste und für die Leitung des evangelischen Kirchenchors bereit fanden.

An den Bau einer eigenen Kirche war um 1890 herum noch nicht zu denken, wohl aber an die Errichtung eines eigenen Schulhauses, da die Konfessionsschule im Hause des Sägemühlenbesitzers Klink 1894 gekündigt wurde. Für die 22 Kinder, die die Konfessionschule besuchten, brauchte man eine neue Bleibe.

Altes Schulhaus
Altes Schulhaus (während des Abrisses 1995)

Zunächst war die Einrichtung eines neuen Betsaals im ersten Stock des neuen Schulhauses geplant. Wohl im Hinblick auf eine zahlenmäßige Vergrößerung der Gemeinde und auf Anraten des Konsistoriums und des Vorstandes des Gustav-Adolf-Werkes entschloß man sich zum Bau zweier getrennter Gebäude, eines Schulhauses und einer Kirche. Für das Vorhaben erwarb die Gemeinde für 2500 Mark ein 13 Ar großes Grundstück an der Panoramastraße. Am 30.8.1895 wurde das neue Schulhaus eingeweiht. 11 500 Mark wurden dafür bezahlt. Für weitere 42 000 Mark konnte neben dem Schulhaus die neue Kirche gebaut und am 24.8.1896 feierlich eingeweiht werden, wie bereits in der Einleitung erwähnt.

Anno 1896; links Kirchenneubau, rechts das Schulhaus
Die Evangelische Kirche im Bau, 1896

Es ist klar, dass für eine solche kleine Kirchengemeinde der Bau einer Kirche und eines Schulhauses eine große finanzielle Belastung darstellte und dass dieser Betrag aus eigener Kraft zunächst nicht aufzubringen war.
Aber dank staatlicher Hilfe, der Hilfe der Oberkirchenbehörde und besonders des Gustav-Adolf-Vereins und einer Schuldaufnahme von 4 000 Mark konnte man den Plan verwirklichen.

Die heutigen drei Kirchenglocken sind jüngeren Datums; sie wurden erst 1955 bei der Firma Bachert in Auftrag gegeben und in der Folgezeit (im Jahr 1956) nach einigen bautechnischen Problemen im Glockenturm eingebaut. Die „alten“ Glocken von 1900 mussten bis auf eine sowohl 1917 als auch 1942 abgegeben werden; erst zum Konfirmationstag 1952 erklangen wieder zwei Glocken, wovon eine der Kirchengemeinde vom Oberkirchenrat leihweise überlassen worden war. Leider passten beide klanglich nicht ganz zusammen. Vor dem Einbau der drei neuen Glocken bekam der Oberkirchenrat die Leihglocke wieder zurück, die vom alten Geläut noch verbliebene erklingt heute vom Turm der Kirche der kleinen Diasporagemeinde Oedheim.

Glockenweihe 1956
Die Glockeneinweihung 1956

Zu der finanziellen Belastung der Gemeinde durch die neuen Glocken kam noch die einer notwendig gewordenen Innenrenovierung im Jahre 1956. Ein weiterer Eingriff in das „Innenleben“ der Kirche wurde 1982 in Angriff genommen. „Durch Eigenmittel, Spenden, Basare des Frauenkreises und Eigenleistungen sowie einer Zuteilung aus dem Ausgleichstock und einer Sonderzuweisung des Kirchenbezirks war die Finanzierung gesichert und die Arbeiten konnten nach den notwendigen Vorplanungen beginnen“, schrieb der damalige Kirchenpfleger Eugen Plenefisch in einem Rechenschaftsbericht.

Die Arbeiten dauerten vom 19. April 1982 bis Anfang November 1982. Am Sonntag, 7. November 1982 konnte in der erneuerten Kirche wieder der erste Gottesdienst gefeiert werden. Während der „kirchenlosen“ Zeit fand der Gottesdienst im Gemeindesaal statt.

Bereits 1971 wurde im Gemeinderat der Bau eines eigenen Gemeindehauses diskutiert, da für die inwischen gewachsenen Gemeinde der kleine Gemeindesaal im Pfarrhaus doch etwas zu eng wurde. Seine Verwirklichung und seinen krönenden Abschluß fand der Wunsch der Kirchengemeinde nach einem zusätzlichen, geräumigen Versammlungsort erst mit der Einweihung des neuen Gemeindezentrums am 5. Mai 1996. Erbaut wurde es neben der Kirche, auf dem Platz des ehemaligen Schulhauses. Auf Beschluss des Kirchengemeinderats bekam das Gemeindezentrum den Namen "Kaspar-Gräter-Haus".

Das neue Paar
Kirche und Kaspar-Gräter-Haus
Eingang des Kaspar-Gräter-Hauses
Namensschild mit Lebenslauf von Kaspar Gräter

Es seit 1967 besitzt die Evangelische Kirchengemeinde Gundelsheim die Möglichkeit, eine eigene Pfarrerin oder einen eigenen Pfarrer zu wählen. Damals wurde die bestehende Pfarrverweserei in eine ständige Pfarrstelle umgewandelt. Der erste ständige Pfarrer in Gundelsheim war Pfarrer Ewald Knecht, der bereits seit 1964 als Pfarrverweser die Gemeinde betreute.

Folgende Pfarrer waren seit Ende des zweiten Weltkrieges im geistlichen Dienst in unserer Kirchengemeinde tätig:

Pfarrer Otto Neumann von 1946 bis 1964
Pfarrer Ewald Knecht von 1964 bis 1972
Pfarrer i.R. Binder von 1972 bis 1973
Pfarrer Dieter Rußig von 1973 bis 1990
1990 bis 1992 vakante Zeit
Pfarrer Jochen Zimmermann von 1992 bis heute

Nun steht unsere Kirche schon seit über 100 Jahren auf ihrer kleinen Anhöhe und grüßt die Menschen, die die Tiefenbacher Straße heraufkommend den Blick nordwärts richten. Es ist keine große Kirche, und 100 Jahre sind gemessen an den vielen alten, ehrwürdigen Kirchen unseres Landes eigentlich nicht viel. Trotzdem: für die Gläubigen bedeutet sie Glaubensmittelpunkt und geistliche Heimat seit mehreren Generationen und einige meinen, dass die evangelische Gemeinde erst seit dem Bau der Kirche in Gundelsheim richtig daheim ist. Viele Gläubige haben in ihr Stärkung, Trost, Hilfe und Ermutigung empfangen.

In einer Zusammenstellung der Entwicklung der Evangelischen Kirchengemeinde Gundelsheim schreibt Pfarrer Otto Neumann: „Die evangelische Kirche Gundelsheim hat in den etwas über 100 Jahren ihres Bestehens manche äußere Not zu überwinden gehabt, und es werden ihr auch fernerhin große und kleine Nöte nicht erspart bleiben, auch nicht erspart bleiben dürfen. So lange aber in ihr das Wort Gottes gehört und die Sakramente empfangen werden, so lange ihre Glieder nicht vergessen, dass Gott dienen auch dem Nächsten dienen heißt, so lange wird sie bleiben und Gottes Ehre preisen“.

Quellen:
Josef Vassillière: Gundelsheim am Neckar. Ein Führer durch die Deutschordens-Stadt, Neckarsulm 1978
Bernhard Demel O. T.: Der Deutsche Orden und die Stadt Gundelsheim, Neckarsulm 1981
Festschrift: 600 Jahre Stadt Gundelsheim, Neckarsulm 1979
Ev. Kirchengemeinden Bezirk Neuenstadt (Hrg.): Unsere Heimat: Die Kirche. Bilder aus dem Bezirk Neuenstadt am Kocher, Ev. Verlagswerk Stuttgart 1979

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