Predigt zum Sonntag Exaudi, 05.06.2011 (Pfarrer Jochen Zimmermann)


Am letzten Tag dem Höhepunkt des ganzen Festes, trat Jesus vor die Menge und rief: »Wer durstig ist, soll zu mir kommen und trinken – Jeder, der mir vertraut! Denn in den Heiligen Schriften heißt es: 'Aus seinem Innern wird lebendiges Wasser strömen.'«
Jesus meinte damit den Geist Gottes, den die erhalten sollten, die ihn im Glauben annehmen.
Damals war der Geist noch nicht gekommen, weil Jesus noch nicht in Gottes Herrlichkeit aufgenommen war.
(Johannes 7, 37 - 39)

Dazu passt die "Legende vom modernen Menschen"

Ein Mensch verirrte sich in der Wüste Die unbarmherzige Sonnenglut hatte ihn ausgedörrt.
Da sah er in einiger Entfernung eine Oase.
Aha, eine Fata Morgana dachte er, eine Luftspiegelung, die mich narrt, In Wirklichkeit ist nichts da.
Er näherte sich der Oase und sah immer deutlicher die Dattelpalmen, das Gras und die Quelle.
Natürlich, eine Hungerphantasie, die mir mein halb wahnsinniges Gehirn vorgaukelt, dachte er.
Jetzt höre ich sogar das Wasser sprudeln. Eine Gehörhalluzination. Wie grausam die Natur ist.
Kurze Zeit später fanden zwei Beduinen ihn tot.
Kannst du das verstehen? Sagte der eine zum anderen.
Die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund. Und dicht neben der Quelle liegt er verhungert und verdurstet.
Wie ist das möglich?
Das antwortete der andere: Es war ein moderner Mensch

Er ist so nahe dran an der Oase, an der Quelle, aber er hält sie nicht für real.
Viele sehnen sich nach dem echten, unverfälschten Leben.
Sie meinen, es liege so weit weg, es ist nicht zu erreichen, sie kommen nicht mehr an die Quelle.
Dabei liegt das echte Leben so nah, direkt vor uns oder vielmehr in uns.
Aber wir zweifeln daran, halten es für unmöglich. In einem Interview dieser Tage las ich, dass mit zunehmender Individualisierung des Menschen auch seine Desorientierung größer werde.
Wir werden je länger desto mehr zu Menschen, die sich immer mehr in der Wüste verlaufen und an Oasen und Quellen vorbeistolpern und uns nicht mehr zurecht finden.
Das ist ein wahres Bild.
Wir wollen unser eigenes Leben leben, wollen frei sein, wollen unseren eigenen Stil pflegen, unabhängig, selbst bestimmt, nur uns selbst verantwortlich, aber dabei steigt die Gefahr, dass wir uns selbst verlieren, dass wir uns nicht mehr zurecht finden.
Es stimmt einfach nicht, dass in unserer modernen Welt mit zunehmender Freiheit auch die Geborgenheit wächst, im Gegenteil, der Preis der Freiheit ist das Unbehaustsein des Menschen, seine Desorientierung in den ganz einfachen Lebensdingen.
Wir finden die Quellen immer schwerer, um den Lebensdurst zu stillen.

Jesus befand sich damals auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem. Ein fröhliches, rauschhaftes, begeisterndes Erntefest. Wein, Obst, Getreide ist eingeholt, die Ernte ist vorbei.
In einer feierlichen Prozession wallten die Menschen, von Priestern angeführt, vom Tempel aus hinunter an die Siloahquelle. Sie schöpften sie in goldenen Krügen aus der Quelle und trugen das Wasser singend und tanzend wieder hinauf zum Tempel, wo es auf dem Altar reichlich ausgegossen wurde und in alle Richtungen floss.
Die Menschen im Tempel vergewisserten sich mit dem Wasserritus ihrer Lebensgrundlagen und dankten dem, der das Wasser und das Leben schenkt, Gott. Die Menschen werden mit ihren materiellen und existenziellen Grundlangen und mit den geistigen Grundlagen des Leben neu verbunden.
Jesus greift das Zeichen des Wassers auf und sagt:

"Wer durstig ist, soll zu mir kommen und trinken – jeder, der mir vertraut!
Denn in den Heiligen Schriften heißt es: 'Aus seinem Innern wird lebendiges Wasser strömen.' "

Er vergleicht das existenzielle, das natürliche Durst löschen, das Trinken, das Grundbedürfnis des Menschen nach Wasser mit dem Glauben an ihn:
Wie sich jemand mit einem durstigen Mund an einer Quelle erfrischt, so erfrischt sich der Glaubende, der Jesus vertraut.
Der Glaube ist wie ein Trinken, ein Durstlöschen, eine geistige Nahrung, Labung, Erfrischung, das Stillen eines geistigen Grundbedürfnisses, ohne das ein Mensch nicht leben kann.

Wir können uns um unsere Grundbedürfnisse bemühen, Essen, trinken, Kleidung, Haus, Sicherheit, Gesundheit.
Aber daneben braucht es auch die anderen, die geistigen Grundbedürfnisse.

Es gibt diese wunderbare Geschichte aus einem Kinderbuch, Frederick, ein Kinderbuch zwar, aber auch für Erwachsene lehrreich.
Frederick lebt als eine Maus unter anderen Mäusen. Die Mäuse beginnen im Sommer und Herbst Vorräte für den Winter anzulegen und zu sammeln, Nüsse, Eicheln, Körner. Während die einen Sammeln und arbeiten, sitzt die Maus Frederick still da, genießt die Sonne, sinnt vor sich hin, freut sich an den Farben des Sommers. Warum arbeitest du nicht, fragen die anderen Mäuse den Frederick?
Ich sammle die Sonnenstrahlen, die Farben, die Düfte, die Klänge, bekamen sie zur Antwort. Und sie ließen den Frederick verärgert sitzen an seiner Sonnenmauer. Als es Winter wurde und die Mäuse von ihren Vorräten leben mussten, da gingen ihnen mit der Dauer der Schneezeit mit einem Mal ihre Vorräte aus. Der Hunger wurde immer größer. Da fragten sie Frederick, ob er ihnen nicht helfen könnte.
Er begann von den Sonnenstrahlen des Sommers zu erzählen, von den Farben, den Düften und Klängen, von dem Schönen, was war und was bald wieder sein wird.
Die Mäuse lauschten Frederick aufmerksam und vergaßen dabei ganz ihren Hunger.
Frederick erzählte und erzählte unendlich lange Geschichten vom Sommer und so ging der Winter vorüber und die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings kitzelten die Felle der Mäuse.

So hatte Frederick mit seinen Geschichten die Mäuse über den Winter gebracht.

Saint – Exupery sagt: man kann nicht mehr leben ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Licht, es gilt, dies wieder zu entdecken, dass es ein Leben des Geistes gibt, das noch höher ist als das Leben der Vernunft und das allein den Menschen befriedigen kann ...

Das bleibt im Grunde die tiefe Wahrheit der Religion und unseres Glaubens, dass wir nicht leben können ohne den Geist zu befriedigen. In uns ist nicht nur der leibliche Hunger und der Durst, sondern auch ein geistiger Hunger und Durst, eine geistige Unruhe, die wir stillen müssen.

Ich erlebe es in so vielen Gesprächen, und vor allem ich erleb es bei mir selbst, der Mangel an Hoffnung, an Mut, an Motivation. Er kann nur ausbalanciert werden durch eine gute Erinnerung, durch einen guten Gedanken, durch ein Mut machendes Wort eines anderen, durch das Wissen, Gott ist bei mir, eben durch eine geistige Hilfe.
Wir tun heute alles, um den materiellen Hunger durch Konsum zu stillen, aber wir sind sehr arm, sehr einfallslos, auch sehr vereinzelt, wenn es um unsere geistigen Bedürfnisse geht.

Ich setze in der Zukunft auf mehr Begegnung von Menschen, dass wir uns mehr zuhören, mehr wahrnehmen, zusammen kommen, zusammen rücken, und wieder Geschichten erzählen, keine Märchen – obwohl die es auch braucht – sondern Geschichten von uns selbst, von dem, was uns aufrichtet und aufhilft und aufhellt.
Damit wir dieses Wort Jesu einlösen, ... wer durstig ist, der komme zu mir und trinke …

Amen



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