Predigt im Familiengottesdienst zum Erntedankfest mit BUNTE KIRCHE, 08.10.2017
(Pfarrer Jochen Zimmermann)


Eine Fabel von Leonardo da Vinci lautet so:

Ein Weizenkorn, das von der Ernte allein auf dem Feld übrig geblieben war, erwartete den Regen, um in die bergende Erde zurückzukehren. Eine Ameise entdeckte es, lud es auf und schleppte es mit großer Anstrengung zur weit entfernten Behausung.
Sie ging und ging, das Weizenkorn schien immer schwerer zu werden auf den müden Schultern der kleinen Ameise. "Warum lässt du mich nicht liegen?" sprach das Korn. Die Ameise antwortete: "Wenn ich dich liegen lasse, werden wir keine Vorräte für diesen Winter haben. Wir sind viele, wir Ameisen, und jede von uns muss in die Vorratskammer so viel bringen, wie sie nur findet." "Aber ich bin nicht nur geschaffen, um gegessen zu werden", sagte das Weizenkorn darauf. "Ich bin ein Same, voll von Lebenskraft, und meine Bestimmung ist es, eine neue Pflanze wachsen zu lassen. Höre, liebe Ameise, machen wir einen Vertrag!"
Die Ameise war zufrieden, ein wenig ausruhen zu können, legte das Korn ab und fragte: "Was für ein Vertrag soll das sein?" "Wenn du mich auf meinem Feld belässt", sagte das Korn, "und davon abstehst, mich in deine Behausung zu tragen, werde ich dir in einem Jahr hundert Körner meiner Art zurückerstatten."
Die Ameise starrte ungläubig. "Ja, liebe Ameise. Glaub, was ich dir sage! Wenn du heute auf mich verzichtest, werde ich mich dir hundertfach geben: ich werde dir hundert Weizenkörner für dein Heim schenken."
Die Ameise dachte: Hundert Körner im Tausch gegen ein einziges - das ist ein Wunder. Sie fragte das Weizenkorn: "Und wie wirst du das machen?" "Es ist ein Geheimnis", antwortete das Korn. "Das Geheimnis des Lebens. Heb eine kleine Grube aus, begrab mich darin und komm nach einem Jahr zurück!"
Ein Jahr später kehrte die Ameise wieder. Das Weizenkorn hatte sein Versprechen gehalten.

Ansprache:

Wir feiern Erntedank.
Wir danken Gott für die vielen Gaben, die wir zum Leben bekommen.
Wir können hier bei uns aus dem Vollen schöpfen.
Bei uns ist alles so selbstverständlich.
Wir gehen in ein Geschäft, kaufen ein, füllen unseren Kühlschrank und haben genügend zu essen und zu trinken.
Wir denken nicht dran, vergessen, wie viel Arbeit, Mühe, ja, wie viel Ungerechtigkeit oft drin steckt in den Lebensmitteln.
Bekommt der Bauer in der Bananenplantage oder Kakaoplantage oder Orangenplantage auch wirklich den Lohn, der ihm zusteht, damit er und seine Familie davon leben können?
Sind die langen Transportwege überhaupt sinnvoll?
Belasten wir nicht das Klima damit?
Erntedank will uns auf den Zusammenhang aufmerksam machen.
Nicht nur auf das, was wir haben!

Alles hängt mit allem zusammen!
Ich brauche einen Freund,
wir brauchen eine Familie,
wir brauchen unser Land,
wir brauchen unsere Welt zum Leben.

Alles ist ein weites, miteinander verbundenes Netz.
Auch wenn wir es nicht sehen oder nicht daran denken,
alles hängt mit einander zusammen!

Die kleine, schöne Geschichte von der Ameise und dem Weizenkorn erzählt auch von dem Zusammenhang des Lebens, diesem Netz:
Ob wir so leben???
Ich nehme mir das , was ich bekomme, und was da ist.
Es ist ja alles für mich da.
Ich brauche es zum Leben!
Ich habe in meinem Leben selbst so viele Probleme, dass es nicht noch für andere reicht.
Leben wir so, dann leben wir nur für uns!
Ohne den Zusammenhang zu erkennen!
Das Netz geht verloren.
Das Weizenkorn lehrt die Ameise: Lebe so, dass andere auch etwas davon haben, lerne zu teilen, zu warten, zu verzichten, Geduld zu haben, nicht alles gleich haben zu wollen, dann kommt es mehreren zugute, dann kommt es der Welt zugute und dem Leben.

Das ist das Geheimnis des Lebens.
Teile deine Leben.
Wenn du etwas hergibst von dir, dann bekommst du es hundertfach wieder.
Die Fabel von der Ameise und dem Weizenkorn kommt ja aus der Bibel oder hat ein bekanntes Vorbild, ich meine ein Wort, das Jesus gesagt hat:
Jesus sagt folgendes:

Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.
Wer sein Leben über alles liebt, nur sich sieht und unter allen Umständen daran festhält, der wird allein bleiben;
wer sein Leben teilen kann, wer es hergeben kann für andere, wer es eine Stück weit verlieren kann, der wird es gewinnen und reich dafür belohnt werden.

Was heisst das denn, sein Leben teilen?
Das heisst für mich, sich über das freuen können, was man hat. Über die Menschen, die um mich sind, und denen ich vertrauen kann. Dankbar sein für das, was ist, und was ich bekommen habe.
Nicht nur auf das sehen, was man nicht hat, was andere haben, was man haben könnte, sondern das, was da ist für mich!
Das heisst, schauen, wie es den anderen geht, sehen, wo der andere mich braucht, das heisst, selbst auf etwas verzichten können, auf einen eigenen Vorteil verzichten können, einen Wunsch nicht haben wollen.
Das steckt ja auch in der kleinen Geschichte.
Die Ameise verzichtet für ein ganzes Jahr auf den Vorteil, ein Weizenkorn zu haben als Ration für den Winter.
Für diesen Verzicht wird sie aber reichlich belohnt.
Ich denke, das macht diese Geschichte auch so aktuell.
Wir müssen heute lernen, nicht alles gleich zu verbrauchen. Wir wollen heute alles gleich und so schnell wie möglich. Wir wollen unser eigenes Leben optimal leben und vergessen dabei, dass andere nach uns kommen werden. Wir vergessen die Menschen, die nach uns auf dieser Erde sind.
Wie können wir so leben, dass die Späteren auch noch etwas zum Leben haben?
Die Geschichte sagt, es ist klüger zu verzichten, sich zurückzunehmen, seinen Wunsch zurückzustellen, damit fördere ich das Leben, dann haben später mehr davon, dann knüpfen wir an dem weltweiten Netz.
Jesus sagt sogar, das ist nicht nur klug, sondern lebensnotwendig!
Ein Weizenkorn ist dazu da, sich auszuteilen!
Erntedank ist: Gott danken für die wunderbaren Gaben der Natur und die menschliche Arbeit.
Und dabei immer daran denken:
Alles hängt mit allem zusammen!
Amen

Gebet zum Entedankfest:

Guter Gott,
wir danken für alles, was wir aus deiner Schöpfung bekommen haben:
die Äpfel, Kartoffeln, Nudeln, den Traubensaft,
für alles, was unser Leben reich und einfach macht,
die Autos, Maschinen, Computer,
für alles danken wir,
was uns freut,
die Kinder, die Großeltern, die Freunde,
die Gesundheit, das Spielen, die Musik.
Wir danken dir für unseren Verstand
und dafür, dass wir gemeinsam viel erreichen können!

Gib mir den Mut, Gott, zu teilen, was ich habe mit anderen!
Was ich gut kann, sollen andere bekommen, die es nicht so gut können.
Gib uns die Klugheit, an die armen Menschen in anderen Ländern zu denken, die unsere Hilfe brauchen.
Lass mich so leben, dass mein Glück einen anderen Menschen auch glücklich macht und nicht nur mich allein.

Lass mich darauf verzichten, alles haben zu müssen!

Lass mich ein Weizenkorn sein,
das viel Frucht bringt.
Amen



Zurück zum Seitenanfang