Ansprache zur Anderkirche
29.05.2011
Pfr. Jochen Zimmermann


"Begegnungen in der Altstadt"

Begegnung geschieht!
Begegnung wird nicht gemacht!
Begegnung überrascht mich oder erschreckt mich auch, zieht mich an.
Begegnung ist ein Wunder.
Begegnung kann nicht geplant werden, nicht terminiert.
Wir leben wie auf einem großen Boulevard, auf dem Menschen in eine Richtung laufen. Jeder von uns hat sein Ziel, seine Aufgabe, seine Termine, seine Pläne, seine Wünsche, seine Geschichte.
Auf diesem belebten Boulevard bleiben zwei Menschen plötzlich stehen, inmitten der vorwärts drängenden Masse, bleiben stehen, erblicken sich, beginnen ein Gespräch, wie auf einer kleinen Insel, im umwogenden Meer: Begegnung geschieht.

Ich komme im Bus neben jemandem zu stehen, schreibt Kurt Marti, der mich begrüßt, mich fragt. Wie geht es Ihnen?
Da wir inmitten vieler Leute stehen, ich zudem an der übernächsten Haltestelle aussteigen will, kann ich nur lügen: Gut. Oder – was schon recht kühn wäre -: nicht so gut. Der Wahrheit am nächsten käme die Antwort: Ich weiß es nicht.
Dieses „Ich weiß es nicht“ eröffnet eine Begegnung.
Vielleicht wäre der Angesprochene im Bus nicht ausgestiegen, das Gespräch wäre weitergegangen noch ein Haltestelle, noch eine und noch eine.
Die Begegnung nimmt zwei heraus, schenkt ihnen ihre eigene Zeit und Richtung, sie vergessen die normale Zeit.
Begegnung ist zeitlos.

Wie geht’s Ihnen ? Gut ! und weiter…
Ich will es nicht wirklich wissen, ich habe meine Aufgabe, meine Pläne für den Tag.
Das „wie geht es Ihnen?“ heißt doch, halt, ich habe Interesse an dir, ich lasse mich auf dich ein, ich öffne mich dir, ich will etwas von dir erfahren, vielleicht willst du auch wissen , wie es mir geht.
Begegnung geschieht , geschieht mit uns, mit mir.
Ich plane sie nicht, sie plant mich.

Wir treffen täglich Menschen, wenn ich mit meinen Kindern esse, wenn ich arbeite, wenn ich einkaufe, wenn ich Sport treibe, wenn ich weggehe, wir treffen uns, wir nähern uns, wir sehen und hören uns.
Begegnung ist das noch nicht. Wir befinden uns nur im Vorhof, um in den Tempel der Begegnung zu gelangen, müssen wir uns öffnen, mutig sein.
Die Angst, die Ängstlichkeit, die Menschenscheu, die Scham vor dem anderen ein wenig – wenigstens - ablegen.
Risikobereit sein: ich will jetzt von dem anderen etwas wissen, ich will ihn erfahren. Ich muss aus mir raustreten.
So viel tragen wir zur Begegnung bei.

Montez-vous, bougez-vous, aufstehen, bewegen Sie sich!
Vorgestern im Komödienhaus in Heilbronn, sah ich eine Tanzveranstaltung. Ein Solostück einer 67 jährigen Afrikanerin, die wunderbar würdevoll tanzen kann, Mittendrin kam sie von der Bühne: montez vous, stehens auf, bewegen Sie ihr Hüften, rief sie, montez vous, aufstehen, erheben Sie sich, tanzen Sie.
Es brauchte eine Ewigkeit. Ihre Bewegungen, ihr Lachen, ihr Hüftschwung steckte an, es erhoben sich fast alle und tanzten.

Wenn ich nicht bereit bin, aufzustehen, mich einzulassen, der Aufforderung zu folgen, kommt keine Begegnung, Bewegung, Berührung zustande, geschieht es nicht, bleibt es stumm und starr und steif. Ich hab an dem fröhlich sein des anderen nur Teil, wenn ich mich der Fröhlichkeit öffne, ich habe an seiner Ausgelassenheit nur teil, wenn ich selbst meine Ausgelassenheit spüre, an seinem Ernst, wenn ich selbst ernst bin.

Ich muss aus meinem Haus raus! Ich muss aus dem eigenen Haus aus Steinen raus, in dem ich mich wohl fühle, sicher, stark fühle, damit ich Begegnung erlebe.
Ich muss auch aus dem inneren Haus raus, damit Begegnung geschieht, aus meine Starrheit, Verkrampftheit, Muskelschwäche, Seelenscham, falschen Verlegenheit raus.

Ich muss ein wenig von mir preisgeben, ein wenig genügt schon, aber das ist der Preis, damit Begegnung stattfindet, geschieht.
Dass ich jemand anderem erlebe.
Jesus war übrigens so einer, alle seine Geschichte, raus aus dem eigenen Haus, auf Menschen zu, Menschen aus ihrer Haus rausholen.

In der Begegnung erst erfahren wir uns als Mensch.
So schreibt Martin Buber.
Er erzählt von einer kleinen Begebenheit:
Er verbringt die Sommerferien auf dem Bauernhof seiner Großeltern, dort lernt er einen Apfelschimmel kennen.
Jeden Tag läuft er in den Stall, um ihn zu streicheln.
Dabei erlebt er im Kontakt seiner Hand mit der Haut des Pferdes „ das Andere“, wie er schreibt, „was ich an dem Tier erfuhr war das Andere, die ungeheure Anderheit des Anderen, unter meiner Hand spürte ich, grenzte mir an meine Haut… etwas das nicht ich, gar nicht ich war, eben das handgreiflich Andere."
Der Schimmel hob sogar seinen Kopf schon vor dem Streicheln, als stelle er sich mit dem Jungen auf Du und Du.

- Das Andere, den anderen spüren, erleben, erfahren, berühren – das ist Begegnung!

Die Begegnung war in der Erzählung Bubers in dem Moment zu Ende als der Junge plötzlich wieder seine Hand spürte, also sich selbst.

Mensch sein heißt, schreibt Buber, das gegenüber seiende Wesen sein.
Ich werde am anderen Menschen erst zum Ich, und er oder sie wird zum Du. Vor einer Begegnung sind wir noch undeutlich, anonym, sind wir irgendjemand auf dem großen Boulevard, mit allen anderen Menschen, die irgendwohin streben, dann aber spüre ich mich, spüre einen anderen Menschen, wenn wir uns gegenüber treten, uns wahrnehmen, wenn wir beide heraustreten aus unserem Schutzhaus.
Wie zwei Menschen, die sich an dem Zaun ihrer Grundstück treffen: Wer lädt nun wen ein zu sich nach Hause?
Was dann geschieht ist offen und lässt alles zu.
Es kann sich etwas sehr Tiefes, Unendliches ereignen.
Begegnungen sind für den Himmel offen.

In diesem Gegenübersein, Gegenübertreten sind wir wer.

Es ist etwas anderes, wenn ich mir selbst meinen Namen sage, oder wenn jemand anderes mich beim meinem Namen ruft, es ist etwas anderes, wenn ich mich im Spiegel anschaue oder wenn jemand anders mir sagt, wie ich aussehe, es ist etwas ganz anders, wenn ich mir selbst spreche, oder die Stimme eines anderen höre, etwas anderes, wenn ich mich selbst berühre, wenn jemand mich berührt.

Im Anderen zu mir selbst kommen, mich selbst erfahren.

Alles, was ich hab – heißt ein Lied von Herman van Veen

Alles, was ich weiß, weiß ich von einem andern,
und alles, was ich lass, lass ich für einen andern,
alles, was ich hab, ist ein Name nur,
den hab ich von einem andern.

Herman ruft ein Mann, und ich lauf fort,
Herman ruft eine Frau, und ich zögere,
Herman ruft ein Kind, und ich fühle mich alt.
Herman, ruft der Wind, und mir wird kalt.

Alles, was ich sag, sag ich einem andern,
und alles, was ich geb, geb ich einem andern,
alles, was ich hab, ist ein Name nur,
den hab ich von einem andern.

Die Hand, die ich geb, geb ich einem andern,
und die Tränen, die ich lass,
wein ich um einen andern,
den Sinn, den ich hab, hab ich in einem andern,
und die Liebe, die ich fühl, ist für einen anderen.
Nur meine Gänsehaut ist von mir selbst.

Amen

Gott, schenk uns immer neue Begegnungen,
lass an jedem Tag das Wunder wahr werden,
das wir erleben, wer wir sind,
schenk gelingende Begegnungen,
die Mut machen,
die aufrütteln,
die mir Sicherheit geben.
Ich möchte dich um weniger Vorurteile unter uns bitten,
um den unverstellten Blick auf einen andern,
um den Stups, den ich brauche, um aus mir raus zu treten,
Lass mich vom anderen nicht alles erwarten,
sondern kleine Berührungen, Erfahrungen.

Gott, dein Geist führt uns zusammen,
dass etwas entsteht, was uns dem Frieden, dem Glück,
deiner Welt näher bringt.

Amen

Vaterunser

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