Ansprache zur Anderkirche
13.06.2010
Pfr. Jochen Zimmermann


Flexibel sein

Mensch, sei doch mal flexibler und nicht so furchtbar eingefahren!
Ändere dich doch mal, und bleib nicht immer bei deiner Linie.
Sieh das mal von dieser Perspektive und lass dich auf etwas anderes ein.
- so das Gebot der Stunde. Sei flexibel und nicht starr und unbeweglich!

Flexibel sein ist heute zu einem hohen Wert geworden, ja fast zu einem Muss! Für manche auch zu einer Existenzfrage: "Wissen Sie, ich arbeite jetzt viele Jahre in diesem Betrieb. Habe mich intern hochgearbeitet. Bin jetzt in einer leitenden Funktion. Verdiene gut. Ich bin stolz in einem so alten Familienunternehmen zu arbeiten, das eine lange Tradition und einen Namen hat." "Dass das jetzt so kommt, hätte ich nicht gedacht," sagte mir vor einigen Wochen ein Mitarbeiter der Firma Läpple, die jetzt massiv Stellen abbaut. Der Arbeitsplatz dieses treuen und guten Mitarbeiters wird sicher gestrichen.

Flexiblität, Flexibilsierung ist das Zauberwort der globalisierten Wirtschaft.

Heute muss ein junger Amerikaner mit mindestens zweijährigem Studium damit rechnen, in 40 Jahren wenigstens elf mal die Stelle zu wechseln und dabei seine Kenntnisbasis wenigstens drei mal auszutauschen, schreibt Sennett in seinem Buch "Der flexible Mensch". Dies gilt in etwas abgeschwächter Form auch für uns in Deutschland.

Flexibel sein ist zu einer der wichtigsten Tugenden oder Fähigkeiten geworden im Kampf ums Überleben im Kapitalismus.

Flexibel sein-
Wir verbinden mit flexibel sein:
Offenheit, Modernsein, zukunftsorientiert, nach vorne gewandt, Beweglichkeit und Spontaneität.
Das sind positiv besetzte, hoffnungsvolle Begriffe.

Die Vorstellung, dass ein Mensch an einem Ort geboren wird und dort sein ganzes Leben lang bleibt, dass er in überschaubaren, wenigen Beziehungen lebt, das erscheint uns immer fremder und immer seltener.
Aber heißt das automatisch, dass dieser Mensch unflexibel, festgefahren, ja verbohrt und unzugänglich ist?
- Oder umgekehrt gesagt:
Ein Mensch, der immer zu neuen Orten aufbricht oder gezwungen ist, an vielen Stellen neu anzufangen, weil seine Firma es von ihm verlangt, ist der deshalb weltoffener, erfahrener, lebenstüchtiger, lebenweiser?

In dem schon erwähnten Buch steht:

... Wie bestimmen wir, was in uns selbst von bleibendem Wert ist, wenn wir in einer ungeduldigen Gesellschaft leben, die sich nur auf den unmittelbaren Augenblick konzentriert?
Was ist in meinem Leben von bleibendem Wert?
Besitze ich bestimmte Prinzipien, wichtige Grundwerte, die ich nicht aufgeben will, wie innere Säulen, auf denen mein Lebenshaus steht, wie tiefe Wurzeln, die mein Leben Halt geben?
Oder lebe ich im Augenblick, richte mich ganz nach dem Jetzt und lasse mich treiben ohne zu wissen, wo ich rauskomme und was morgen sein wird?

Das Wort Flexibel heißt eigentlich biegsam sein, sich krümmen und beugen können, sich winden können, wandelbar, beweglich sein! Wie ein Schauspieler, der im Laufe eines Stücks in viele verschiedene Rollen schlüpfen kann. Immer ein anderer ist! Daher bedeutet das Wort auch haltlos, unbeständig, unberechenbar.

Unsere Zeit heute ist wesentlich geprägt von dem Leben im Augenblick. Sich in den schnell wandelnden Fluss der Situationen hinein geben und anpassen, sich von der Szene mitnehmen lassen – das Jetzt erleben!
Die Folge davon ist ein Verlust an Verlässlichkeit.
Dieser Verlust an Verlässlichkeit lässt sich wirklich direkt in unseren Beziehungen ablesen.
Wer etwa mit Jugendlichen heute zu tun hat, der weiß, wie Zuverlässigkeit und Beständigkeit äußerst flexibel gehandhabt werden.

Die negative Seite unserer Gesellschaft, die flexibel sein will, die von Menschen verlangt, beweglich und biegsam zu sein, ist das Abnehmen des Mitgefühls für andere.

Die unflexiblen Menschen, die Kranken, Behinderten, Armen, die leistungsschwachen Schüler bleiben auf der Strecke, werden irgendwie mitgeschleust und gehören nicht dazu.

Wer von uns mitfühlend leben will, der muss ein Stück weit seine Beweglichkeit aufgeben, der ist eben nicht mehr so flexibel, der ist gebunden an den anderen, fühlt sich für einen Menschen verantwortlich.

Haben Sie gewusst, dass Adam Smith, der Erfinder des Kapitalismus – sozusagen-, der sich für ein egoistisches Managertum einsetzte, für das freie Spiel der Kräfte des Marktes, dass dieser Adam Smith zugleich von uns Menschen als einem sehr mitfühlenden Wesen ausging?
Ja, der einzelne wird immer für den anderen denken und sich kümmern! Die Wirtschaft kommt allen zugute und nicht wenigen einzelnen. Adam Smith geht davon aus, dass jeder und jede von uns zu einem sozial verantwortlichen, auch verlässlichen und mitfühlenden Verhalten in der Lage ist. Mein eigenes Glück soll auch das der anderen sein! Und was den anderen bekümmert, betrifft auch mich.

Ich bin davon überzeugt, dass nur der wirklich flexibel sein kann, der innerlich weiß, was er will, der um einen inneren, bleibenden Wert weiß. Nur wer das Leben liebt oder biblisch gesprochen, wer Gott liebt, wer in sich und im Leben und in Gott ruht, der kann in einem anderen Sinn flexibel sein.
Dafür steht die Geschichte von jenem behinderten Kind, die wir lasen: Nur diejenigen Eltern, die zum Leben eines Kindes stehen, werden auch erfolgreich mit einer Behinderung umgehen können. Sie werden einen Sinn darin entdecken.

Also, flexibel sein und standfest sein ist nicht unbedingt eine Alternative. So oder so. Sondern es sind zwei Seiten in uns, die wir in der Balance halten müssen, immer wieder.

Beide Seiten durchlaufen wir in der Regel in unserer Lebensgeschichte:
Kinder benötigen zuerst verlässliche, vertrauensvolle Zuwendung, sie brauchen den immer gleichen Rhythmus, Rituale, einen zuverlässigen Halt von den Eltern, um selbst Halt und Stabilität für sich entwickeln zu können. Wenn Kinder bei ihren Eltern nicht wissen, woran sie sind, wenn sie sich ständig auf etwas Neues einstellen müssen, wenn Flexibilität schon zu früh anfängt, dann geht etwas verloren. Kinder brauchen Kontinuität.

Aber das bleibt nicht so. Später durchläuft jeder und jede von uns die Phase, in der wir uns lösen von den festen Formen. Wir müssen ausprobieren, was geht und was nicht geht, was hält und nicht hält, was verboten und nicht, in ganz verschiedene Rollen schlüpfen, bis wir unsere eigene gefunden haben. Beides, Kontinuität und Veränderung, gehören zu unserem Leben, wir besitzen beide Fähigkeiten in uns.

Das Leben Jesu steht dafür:
Für modere Ökonomen ist das Leben Jesu ein Vorbild für Ungebundensein und Freiheit.
Ja, sogar die Basisverbundenheit mit seiner Familie sieht Jesus kritisch und definiert sie um.
Er war unterwegs von einem Ort zum neuen, von einer Beziehung zur nächsten, von einem gelebten Augenblick zum anderen, ständig in Bewegung, hoch effektiv und extrem flexibel, vielseitig einsetzbar. Viele schreckt das ab. Und doch ist es nur die eine Seite seiner Person. Er war in allem, was er tat, tief verwurzelt in einem Vertrauen in Gottes Macht. Hierin blieb er sich treu und vertrauenswürdig und überzeugend für die Menschen.

Flexibel sein oder standfest bleiben,
sich wandeln oder die Stirn zeigen,
sich in immer neue Beziehungen geben oder wenige überschaubare pflegen,
überall daheim sein oder an einem Ort - beides zu seiner Zeit.
Wichtig ist nur, dass wir selbst einen Wert in uns suchen und finden, der bleibt: die Liebe zum Leben, zu den Menschen, zum Vertrauen untereinander, zum Mitgefühl füreinander, zu Gott.
Amen

Was sind meine bleibenden Werte, von denen ich nicht abrücke? Oder bin ich mir gar nicht bewusst, dass ich selbst solche festen Säulen in mir habe, und halte mich selbst für sehr beweglich und flexibel?
Oder habe sich bei mir solche Wurzeln gar nicht bilden können?
In der kleinen Fabel vom Schilfrohr und dem Ölbaum wird es so beschrieben:
Das Schilfrohr und der Ölbaum stritten sich, wer denn von beiden der stärkere und festere und ruhendere sei. Der Ölbaum meinte, das Schilfrohr besäße keine Widerstandskraft, es werde von jedem Wind hin und herbewegt. Das Schilfrohr schwieg dazu. Es kam ein heftiger Sturm auf. Das Rohr wurde hin und her geschüttelt und gab den Windstößen immer nach und blieb am Platz, der Ölbaum dagegen, der sich dem Sturm entgegenstemmte, wurde ausgerissen!

Flexibelsein ist ein Überlebensstrategie und zwar dann, wenn das Leben extrem bedroht wird durch äußeren, starken Druck und Streß. Dann wird es lebensnotwendig.

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